Dekan Dr. Matthias Büttner

„Sehnsucht die selig macht“ | Predigt zu Exaudi in St. Georg (Weidenbach)

„Sehnsucht, die selig macht“
Predigt zu 1. Kor 1,18
Exaudi, Kirchweih, 12. Mai 2024
St. Georg, Weidenbach

Liebe Gemeinde!

Hören wir heute an diesem Kirchweihsonntag auf einen zentralen Satz im 1. Kapitel des 1. Korintherbriefes. Paulus schreibt: 18Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.

Mit dem Wort vom Kreuz ist die Botschaft von der Kreuzigung Jesu gemeint. Und damit der christliche Glaube schlechthin. Gott wird Mensch, kommt zu uns, damit wir zu ihm kommen können. Zu den Kreuzen unseres Lebens stellt er das Kreuz seinen Sohnes und zeigt uns so, dass wir nicht allein sind. Und wir spüren Gottes Kraft, wo wir es gar nicht vermuten.

Um dieser herrlichen Botschaft willen wurden und werden Kirchen gebaut. Und darunter auch besonders schöne, wie Ihre St.-Georg-Kirche. Fast auf den Tag genau vor 288 Jahren wurde sie eingeweiht und heute feiern wir Kirchweih und zugleich den Geburtstag des Erbauers Markgraf Carl Wilhelm Friedrich, der heute vor 312 Jahren in Ansbach geboren wurde. Wenn man bedenkt, dass Weidenbach damals um die 300 Einwohner hatte, dann war der Bau einer solchen Kirche auch ein Ausdruck fürstlicher Repräsentation. Da mag mancher vielleicht die Nase rümpfen, aber ich finde, dass es nutzlosere Repräsentationsbauten gibt als Gotteshäuser.

Markgraf Carl Wilhelm Friedrich, der „wilde“ Markgraf, hat keine Kosten und Mühe gescheut. Kein Geringerer als der Hofbaumeister des Markgrafen entwarf die Baupläne für diese Kirche: Leopoldo Retti. Der italienische Künstler stammte aus dem sogenannten Tal der Tausend Künstler und war schon zu seiner Zeit ein Europäer. Er kam aus Italien, studierte in Paris und arbeitete in Deutschland.

Das Tal der tausend Künstler? Wenn Sie von der Schweiz am Luganer See vorbei Richtung Italien in die Provinz Como fahren und rechts hinein in die Berge abbiegen, dann kommen Sie irgendwann nach vielen, vielen Kurven und Kehren nach Laino, einem Dorf mit heute gute 500 Einwohnern, damals bestimmt viel weniger. Hier ist Leopoldo Retti geboren und mit ihm dutzende von Künstlern.

Letztes Jahr im Sommer waren meine Frau und ich zusammen mit einem befreundeten italienischen Paar in Laino gewesen, und ich habe mich gefragt, wieso ausgerechnet aus diesem Bergdorf, das auch heute nur auf kurvigen, schmalen Straßen erreichbar ist und in dem das halbe Jahr Winter war und keine Oliven wie unten am Comer See wuchsen: wieso ausgerechnet hier Künstler an ihren Ideen und Techniken gefeilt hatten, die dann Weltruhm erlangten. Meine Vermutung: hier oben in der Einsamkeit de Val d’Intelvi kannte man sie zur Genüge, die Kreuze des Lebens; und vielleicht gerade deshalb auch die Gotteskraft des Wortes vom Kreuz: dass wir mit unseren Kreuzen nicht allein sind. Und so gab Leopoldo Retti dieser Gotteskraft die Ehre durch das, was er am besten konnte: herrliche Kirchen zu bauen.

Gibt es Gottes Kraft also nicht ohne das Wort vom Kreuz? Braucht es am Ende die Kreuze im Leben, um eine Ahnung von Gottes Kraft zu bekommen? Dem Komponisten Ludwig van Beethoven wird der geheimnisvolle Satz zugeschrieben: „Die Kreuze im Leben des Menschen sind wie die Kreuze in der Musik: sie erhöhen.”i Aber wieso sollen ausgerechnet sie erhöhen? Weil ausgerechnet aus einem gottverlassenen Alpental ein grandioser Baumeister die Welt eroberte. Es wäre also die größte Torheit, gerade nicht mit Gottes Kraft in unserem Leben zu rechnen. Und dass wir mit dieser Gotteskraft rechnen dürfen, dafür steht die St.-Georg-Kirche zu Weidenbach seit 288 Jahren.

Gottes Kraft und die Macht der Menschen. In dieser Hinsicht ist das Altarbild sehr bemerkenswert. Noch dazu, dass es aus der Kunstsammlung des Markgrafen stammen soll. Zu sehen sind die heiligen drei Könige vor dem Christuskind im Stall zu Bethlehem. Dabei ist hier zu vernachlässigen, dass es laut Matthäusevangelium keine Könige waren, sondern Sterndeuter und damit Magier. Magoi steht daher auch im Griechischen. Es bedeutet eine Zeitenwende, dass heidnische Astrologen dem Kind in der Krippe ihre Aufwartung machen, denn nichts verabscheute das Volk Israel mehr als den Sternen irgendeine Art von göttlicher Macht zuzuerkennen. Jetzt aber huldigen Sterndeuter dem Gottessohn und stellen sich damit unter seine Herrschaft.

Und damit sind wir wahrscheinlich bei dem Punkt, weswegen ausgerechnet dieses Altarbild seine Platz in dieser Kirche fand. Weltliche Herrscher, wenn wir die Sache mit den Königen jetzt einmal durchgehen lassen, weltliche Herrscher verneigen sich vor dem göttlichen Kind. Denn jede Obrigkeit, die keine Macht über sich mehr anerkennt, wird zur Tyrannei. Das wussten trotz allem Absolutismus auch die Markgrafen. Wie sehr wünschte ich mir, dass die weltlichen Herrscher unserer Zeit das nicht vergessen: sie tragen Verantwortung vor Gott und den Menschen. So heißt es in der Präambel unseres Grundgesetzes, das nächste Woche seinen 75. Geburtstag feiert. Dieses Grundgesetz entstand auf den blutgetränkten Trümmern einer 12 Jahre währenden Gewaltherrschaft, die sich selbst zum Gott gemacht hatte. Vergessen wir das nie.

Apropos Vergessen: Es war im Sommer 1991. Ich war Vikar im schönen Oberallgäu und hatte eine Trauung zu halten. Es heiratete die Tochter eines bekannten Hotelbesitzers am Ort einen Arzt aus München. Zur Kirche kam daher eine eher besser gestellte, aber nicht unbedingt unsympathische Hochzeitsgesellschaft. Eine schöne Ausgangssituation für eine schönen Traugottesdienst vor der Traumkulisse der Allgäuer Berge.

Doch wenige Tage vorher war etwas passiert. In der damals noch existierenden Sowjetunion gab es einen Putsch gegen Michael Gorbatschow, den damaligen Staatspräsidenten der UdSSR. Gorbatschow hatte mit seiner revolutionären Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) völlig neue Impulse gesetzt, er hatte Regimekritiker rehabilitiert und den Kalten Krieg beendet. Doch nun hieß es, Militärs hätten Gorbatschow festgesetzt. Was würde nun passieren? Plötzlich stand das fröhliche Hochzeitsfest unter völlig veränderten Vorzeichen. Die Unbeschwertheit wich der Sorge. Der immer auch einer gewissen Naivität entspringende Optimismus wurde abgelöst durch die bange Frage nach der Zukunft. Auf einmal war das große Thema neben dem Segen für ein junges Brautpaar die Kreuze in unserem Leben und was für ein großes Kreuz vielleicht noch auf uns zukommen würde.

Das ist auch ein wenig unsere Situation heute. Es ist noch nicht allzu lange her, da wunderten wir uns darüber, dass deutsche Staatsanleihen Negativzinsen hatten; dass also Banken, die Deutschland Geld leihen wollten, bereit waren, dafür noch zu zahlen. Und jetzt? Jetzt wundern wir uns, wie sich Jahrzehnte geltende Gewissheiten einfach in Luft auflösen können.

Damals 1991 wurde der Welt das große Kreuz erspart. Und auch heute hoffen wir, dass sich das Wort vom Kreuz als die große Gotteskraft erweisen möge. Ich hoffe, dass sich die Sehnsucht nach dem Gott der Liebe auch dort auf unserer Welt durchsetzt, wo jetzt noch Gewalt und Lüge herrschen. Denn bedenken wir: wenn die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht etwa nichts, sondern sie glauben alles.

Mein Lieblingsjournalist, Heribert Prantl, ein Katholik wie Leopoldo Retti, hat geschrieben: Es gibt „[…] in der digitalisierten Welt eine wachsende Sehnsucht nach einem Geheimnis […], das von der künstlichen Intelligenz nicht erspürt und nicht erschaffen werden kann. Es gibt die Sehnsucht nach den Ritualen der Geborgenheit und den Riten der solidarischen Gemeinschaft. […] Es gibt eine Sehnsucht nach dem Himmel auf Erden. Es gibt eine Sehnsucht nach einem Ort, an dem die Suche nach dem Sinn des Lebens Platz hat und an dem man spürt, dass das Leben ein Weg mit einem Ziel ist, nicht bloß ein Ablauf von Zufälligkeiten. Es gibt die Sehnsucht nach einem Raum, der Zeit und Ewigkeit verbindet und in dem man seine Seele spürt.“ii

Die Sehnsucht, von der Heribert Prantl spricht, ist die Sehnsucht nach Gott. Und unsere Aufgabe als Christenmenschen ist es, auf diese Sehnsucht zu antworten. Und wenn es sie gar nicht mehr geben sollte, die Sehnsucht nach dieser Sehnsucht zu wecken. Ihre wunderschöne St.-Georg-Kirche ist Ausdruck dieser Sehnsucht. Und sie ist das steingewordene Zeugnis, dass das Wort vom Kreuz die Gotteskraft ist, die uns selig macht.


i https://www.zitate.eu/autor/ludwig-van-beethoven-zitate/28133 [abgerufen am 10.05.2024]

ii Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung vom 8. April 2023

DEKAN DR. MATTHIAS BÜTTNER, ANSBACH

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