Dekan Dr. Matthias Büttner

„Güte“ – Predigt zu Jona 4,1-11 am 25. Juni 2023 in St. Gumbertus

„Güte“
Predigt zu Jona 4,1-11
3. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2023
St. Johannis, Ansbach

Liebe Gemeinde!

Die biblische Geschichte von Jona ist eine bekannte Geschichte: Jona, der Prophet, der vor Gott flieht, weil er der Stadt Ninive Gottes Gericht ankünden soll. Auf der Flucht landet er im Bauch eines großen Fisches. Gott greift erneut ein und der Fisch spuckt Jona an Land. Jetzt geht Jona nach Ninive und kündigt den Menschen an, dass Gott bei ihren bösen Taten nicht länger zuschauen und die Stadt vernichten wird. Daraufhin besinnen sich tatsächlich die Menschen, bereuen ihre schlimmen Taten und verändern ihr Leben im Glauben an Gott.

Die Geschichte wird noch einmal interessanter, wenn wir ihren historischen Kontext betrachten. Also: Ninive war die Hauptstadt von Assyrien. Und beide Namen ließen den Israeliten des Alten Testaments das Blut in den Adern gefrieren. Wie der Export von hochwertigen Autos zum Selbstverständnis Deutschlands gehört, so gehörte zum Selbstverständnis Assyriens das Führen von Kriegen. Dabei waren die Assyrer besonders stolz auf ihre Grausamkeit. Die Israeliten litten Jahrhunderte unter den Angriffen der Assyrer. Und die Stadt Ninive war für sie so etwas wie das Stadt gewordene Böse.

Die Geschichte von Jona, von der wir heute hören, ist drei Weltreiche später geschrieben worden. Man sieht es daran, weil sich im Buch Jona aramäische Formulierungen finden, die in die Perserzeit weisen. Assyrien gibt es also längst nicht mehr. Die Babylonier hatten dem assyrischen Reich den Garaus gemacht. Aber auch Babylon gibt es nicht mehr. Jetzt herrschen die Perser. Unter ihnen geht es den Israeliten nun besser. Viele kommen aus der Verbannung zurück. Jerusalem wird wieder aufgebaut.

Aber der Blick geht auch zurück auf die den Menschen angetanen Grausamkeiten während der Herrschaft der Assyrer. Israel wusste schon immer, und diesen Glauben hat das Volk Israel der Menschheit geschenkt, dass Gott ein gerechter Gott ist, aber ebenso auch ein gütiger. Güte und Gerechtigkeit sind nicht so einfach in eine Balance zu bringen. Auf der anderen Seite aber kann es weder eine Güte ohne Gerechtigkeit noch eine Gerechtigkeit ohne Güte geben. Und genau das ist das Thema von Jona.

Sollten die Menschen in Ninive also tatsächlich ihre bösen Taten bereuen und ihr Leben im Glauben an Gott zum Guten verändern? Und darum von Gott verschont werden? Jona kann es nicht glauben. Er zürnt er mit Gott. Und zwar deshalb, weil er mehr Gerechtigkeit und weniger Güte von ihm erwartet hätte. Gerade im Umgang mit Ninive! Der Hauptstadt Assyriens!

Jonas Zorn über Gott ist durchaus zu vergleichen mit dem Zorn des älteren Bruders über den gütigen Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Hören wir die letzten Verse, mit denen das Buch Jona schließt: 1 Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig 2 und betete zum HERRN und sprach: Ach, HERR, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. 3 So nimm nun, HERR, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben. 4 Aber der HERR sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? 5 Und Jona ging zur Stadt hinaus und ließ sich östlich der Stadt nieder und machte sich dort eine Hütte; darunter setzte er sich in den Schatten, bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde. 6 Gott der HERR aber ließ einen Rizinus wachsen; der wuchs über Jona, dass er Schatten gab seinem Haupt und ihn errettete von seinem Übel. Und Jona freute sich sehr über den Rizinus. 7 Aber am Morgen, als die Morgenröte anbrach, ließ Gott einen Wurm kommen; der stach den Rizinus, dass er verdorrte. 8 Als aber die Sonne aufgegangen war, ließ Gott einen heißen Ostwind kommen, und die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er matt wurde. Da wünschte er sich den Tod und sprach: Ich möchte lieber tot sein als leben. 9 Da sprach Gott zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst um des Rizinus willen? Und er sprach: Mit Recht zürne ich bis an den Tod. 10 Und der HERR sprach: Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, 11 und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?

Das ist es, was Jona so zornig werden lässt, dass Gott ein gnädiger und barmherziger Gott ist, langsam zum Zorn, aber reich an Güte, der das Verderben bereut.i) Das ist es, was den älteren Bruder so zornig werden lässt, dass der Vater den jüngeren Bruder so gütig aufnimmt und ihm zu Ehren sogar ein Fest gibt. Muss so viel Güte – wenn auch nicht zur Todessehnsucht wie bei Jona – so doch zur Verzweiflung treiben?

Aus dieser Verzweiflung will Gott nun Jona herausholen. Und wie er das tut, das hat schon fast Züge einer Komödie. Jona sitzt in der Schmollecke. Gott holt ihn heraus, indem er einen Rizinus wachsen lässt. Der Rizinus gilt als Wunderbaum, weil er so schnell wächst und dazu schön anzuschauen ist. Als Jona sich an seinem Rizinus erfreut, schickt Gott einen Schädling, der den Baum eingehen lässt. Und dann kommt auch noch ein heißer Ostwind, der Jona fast einen Hitzeschlag erleiden lässt. Aber Jona bleibt dabei: ich zürne zu Recht über deine Güte.

Dem Rizinus trauert Jona nach. Aber Ninive hätte er gerne untergehen sehen? Der ältere Bruder ärgert sich über das Fest für seinen heimgekehrten Bruder. Hätte er ihn gerne vor die Hunde gehen und in einem Sarg nach Hause gebracht sehen wollen?

Das Thema im Buch Jona ist heikel. Weil Israel so sehr unter den Assyrern hatte leiden müssen. Was ist mit Jahrzehnten mit Mord, Raub und Verschleppung? Wiegen sie die über alles menschliche Maß hinausgehende Umkehr Ninives auf? Auch wenn sie die Greultaten nicht ungeschehen macht, können sie dann immerhin – ich wage es kaum auszusprechen – vergeben werden?

Der große jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin hat in den 50er Jahren geschrieben: „Israel ist auch in seinem Groll wiederum Jona.“ Und er hat das geschrieben vor dem Hintergrund der Erfahrung der Shoa. Unfassbar. Und er hat weiter geschrieben: „Das letzte Wort ist – Erbarmen.“ii)

Können wir dem zustimmen? Oder halten wir es mit Jona, von dem wir nicht erfahren, ob er aus seinem Zorn gegen Gott und dessen Güte herausfindet oder darin gefangen bleibt. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten gerade angesichts der himmelschreienden Gewalt, die sich Menschen gegenseitig zufügen: Steht Gottes Güte gegen seine Gerechtigkeit? Oder erweist sich gerade seine Gerechtigkeit in seiner Güte? Ist Gott nur deshalb gerecht, weil er gütig ist?

Sowohl im Buch Jona als auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn neigt sich die Waage in Richtung Güte. Und die Gerechtigkeit? Sowohl die Menschen in Ninive als auch der jüngere Sohn sind umge- kehrt von ihren bösen Wegen. Aber rechtfertigt die Umkehr so viel Güte?

Fragen über Fragen. Aber ich ahne: das letzte Wort wird wohl doch Erbarmen sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

DEKAN DR. MATTHIAS BÜTTNER, ANSBACH


i) Jona 4,2 in der Übersetzung von RÜDIGER LUX in: GPM 77 (2023), S. 324, dem ich noch viele weitere Einsichten verdanke.

ii) SCHALOM BEN-CHORIN, Die Antwort des Jona. Zum Gestaltwandel Israels – ein geschichtstheologischer Versuch, Hamburg 156, S. 115; bei RÜDIGER LUX, aaO., S.326.329.

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