09 Jan „Keine Gewalt ohne Teilung“: Predigt zu Röm 8,38f., Altjahrsabend 31. Dezember 2022

Dekan Dr. Matthias Büttner (Portrait)

Liebe Gemeinde am Altjahrsabend!

Was war das für ein Jahr, das heute Nacht zu Ende geht! Ein Jahr, das uns gleich mehrere Zeitenwenden beschert hat. Über moderne Kriegswaffen haben wir wohl seit Jahrzehnten nicht so viel gehört, wie in diesem Jahr. Aus Russland kommt kein Gas mehr, das sogar in den kältesten Phasen des Kalten Krieges verlässlich geflossen ist. Und dann das, mit dem alles zusammenhängt: der nun schon 10 Monate dauernde Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, der nicht nur die dunkle, sondern auch böse Seite der Macht offenbart.

Gut, dass uns beim Übergang in das neue Jahr heuer der Apostel Paulus begleitet. Denn er kennt das Böse, zu dem Mächte und Gewalten auf dieser Erde fähig sind. Er weiß aber auch von einer Macht, die über allen irdischen Mächten und Gewalten steht. Im 8. Kapitel seines Römerbriefes schreibt er: 38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Paulus war derjenige unter den Aposteln, der das Evangelium von Jesus Christus in die ganze Welt brachte. Im Gegensatz zu den Aposteln der ersten Stunde, also den Jüngern Jesu, war Paulus römischer Bürger und beherrschte die griechische Sprache. Als römischer Bürger konnte er innerhalb des römischen Riesenreiches relativ unkompliziert reisen und hatte dabei auch einen gewissen Schutz. Und durch die griechische Sprache hatte er Zugang zum Denken der Menschen auch außerhalb Palästinas. Ohne Paulus wäre das Christentum wohl eine jüdische Sekte geworden und irgendwann verschwunden. So aber wurde es zur Weltreligion.

Als Paulus den Römerbrief schrieb, war für ihn die Verbreitung des christlichen Glaubens im Osten des römischen Reiches abgeschlossen. Nun galt es für ihn, in den Westen zu reisen, also nach Spanien. Dafür benötigte Paulus allerdings Unterstützung. Und die erhoffte er sich von der christlichen Gemeinde in Rom. Das Besondere war allerdings, dass Paulus die Gemeinde in Rom nicht kannte. Er selbst war nie in Rom. Und die Gemeinde wurde im Gegensatz zu vielen anderen nicht von ihm gegründet. Daher musste er in seinem Brief an die Römer seine Darlegung des christlichen Glaubens ganz grundsätzlich und sehr sorgfältig vornehmen.

In diesem Kapitel des Römerbriefs erläutert Paulus, dass uns nichts von der Liebe Gottes trennen kann. Mit starken Worten umschreibt Paulus diese Glaubensgewissheit: Dass uns nichts und nie- mand von der Liebe Gottes scheiden kann. Oder wie Paulus ein paar Verse vorher (8,31) schreibt: wer kann gegen uns sein, wenn Gott für uns ist?

Der Altjahrsabend wird heute auch in Russland gefeiert. Vielleicht predigt in Moskau Wladimir Michailowitsch Gundjajew, uns besser bekannt als Patriarch Kyrill I., auch über diesen Paulustext. Er wird dann jenes paulinische „wer kann gegen uns sein“ ganz anders verstehen, als wir es tun. Nämlich einmal mehr als Rechtfertigung eines Kampfes des guten Russlands in der Ukraine gegen das dortige Böse und überhaupt gegen den Westen.

Kyrill ist seit 2009 Patriarch von Moskau und damit Vorsteher der russisch-orthodoxen Kirche. Er stammt aus einer Priesterfamilie. Sein Vater saß als Priester noch im Gulag. Kyrill wurde 1969 zum Priester geweiht und wurde 1972 Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Die Regentschaft Putins bezeichnet er als Wunder Gottes. Kritiker nennen ihn Tabak-Patriarch, weil er in den 1990er Jahren viel Geld mit Zigaretten und Erdöl gemacht haben soll. Sein Privatvermögen wird auf 4 Milliarden Dollar geschätzt. i) Die Karriere eines Kirchenmannes, die hierzulande undenkbar wäre.

Der große Berliner Historiker Heinrich August Winkler hat vor kurzem festgestellt: „Seit Langem ist nicht mehr so viel über den Westen und seine Werte gesprochen und geschrieben worden wie in dem nun zu Ende gehenden Jahr 2022.“ Auf die Frage, was denn den Westen und seine Werte ausmache, antwortet er: Es ist die sich im frühen Mittelalter entwickelnden Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt, die zur Keimzelle aller Gewaltenteilungen wurde. Diese Gewaltenteilung ist der Ursprung aller westlichen Werte wie etwa unabhängige Justiz, Meinungsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz.

Winkler hebt hervor, dass man sich schon im 12. Jahrhundert auf ein von drei Evangelien ii) überliefertes Wort Jesu berufen hatte: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Diesem Wort Jesu war die Frage der Pharisäer vorausgegangen, ob es für einen gottgläubigen Menschen erlaubt sei, Steuern zu bezahlen. Es ging also um die Frage, ob es neben dem religiösen Gebot, den sogenannten Zehnten abzuführen, auch von seitens des Staates verlangt werden dürfe, Steuern zu bezahlen. Jesus verweist auf das Bildnis des römischen Kaisers auf den Münzen und sagt dann, gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Damit outet sich Jesus keinesfalls als Freund des römischen Staates. Er akzeptiert dessen Existenz, so wie er die Existenz der jüdischen Religionsgemeinschaft akzeptiert haben will. Was aber Jesus nicht haben will, ist ein totaler Staat. Und was er auch nicht haben will, ist ein Gottesstaat, von dem die Pharisäer geträumt haben. Er will die Gewaltenteilung.

Die Gewaltenteilung ist das Zauberwort des Westens und, ja seiner Erfolgsgeschichte. Es bedeutet, dass der König nicht über dem Gesetz steht und dass eine moderne Regierung eine unabhängige Justiz als Gegenüber hat. Gewaltenteilung bedeutet Freiheit der Meinung und der Presse. Gewaltenteilung steht für die Menschenrechte. In dieser Gewaltenteilung erkennt der Historiker Winkler die christliche Prägung des Westens – auch wenn manche das nicht mehr so sehen wollen.

Die Geschichte des Westens war freilich auch eine Geschichte von schweren Verstößen gegen die eigenen Werte. Aber die Gewaltenteilung war in ihrer Wirkung nicht rückgängig zu machen. Im Unterschied dazu gab es diesen Emanzipationsprozess im orthodoxen Osten nicht. Es gab nie eine Trennung von geistlicher und weltlicher Macht im Einflussbereich der Ostkirche. Die orthodoxe Kirche blieb dem weltlichen Herrscher, so sie nicht gleich unterdrückt war (wie zu Sowjetzeiten), immer untergeordnet und konnte so politisch instrumentalisiert werden. iii) Patriarch Kyrill ist das beste Beispiel dafür.

Die Gewaltenteilung ist bis heute das Zauberwort für eine bessere Welt. Denn sie allein schafft die Einsicht – und damit sind wir wieder bei unserem Pauluswort aus dem Römerbrief, dass es auch über dem mächtigsten Menschen immer noch die entscheidende Macht darüber gibt. Paulus nennt in unserem Bibelwort Tod und Leben, Engel und andere Gewalten, Hohes und Tiefes. Es gibt also keine Gewalt, auch keine „gute“, die sich der Teilung entziehen darf. Das ist die eine Botschaft. Und sie ist die Botschaft am Ende dieses Jahres an Russland und an alle Diktaturen auf dieser Welt.

Die andere Botschaft ist: nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes. Und mit nichts ist auch wirklich nichts gemeint. Mit diesem Bewusstsein, mit diesem Glauben können wir in das neue Jahr gehen und uns all seinen Herausforderungen, die es bringen wird, stellen – und genauso auch dem Schönen, dass das kommende Jahr ganz gewiss uns auch bescheren wird.

Zum Schluss zurück zur Person des Paulus. Nach Abfassung des Römerbriefes ist Paulus selbst dann mit dem Schiff nach Rom aufgebrochen – allerdings als Gefangener. Als römischer Bürger legte er gegenüber verschiedenen Anschuldigungen Berufung ein an das Kaisergericht in Rom. Von der abenteuerlichen Schiffsreise erzählt uns die Bibel noch. Ein Freispruch in Rom hätte Paulus die geplante Reise nach Spanien ermöglichst. Von einer Entscheidung des kaiserlichen Gerichts, in welche Richtung auch immer, ist allerdings nichts bekannt. Hier verliert sich die Spur des großen Völkerapostels Paulus, ohne den wir vielleicht heute nicht hier sitzen würden.

Was aber bleibt ist die Gewissheit des Paulus, dass weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Damit wollen wir in das neue Jahr gehen. Und ich bin gewiss: Gott kommt uns aus dem neuen Jahr gnädig entgegen.

i https://de.wikipedia.org/wiki/Kyrill_I. [abgerufen am 30.12.2022]
ii Matthäus 22,21; Markus 12,17; Lukas 20,25.
iii Süddeutsche Zeitung vom 24.12.2022, S. 5.

DEKAN DR. MATTHIAS BÜTTNER, ANSBACH