22 Nov Helden wider Willen

Der obdachlose Australier Michael Rogers, 46 Jahre, wird wider Willen zum Helden (Spiegel-online am 15.11.2018). Er rammt mit seinem Einkaufswagen einen mutmaßlichen Terroristen. Die meisten Helden wollen gar keine sein. Sie werden es durch ihr bloßes Da sein.

Der Mann ist jetzt ein Held. Dabei wollte er gar keiner sein. Und er war arm. Jetzt ist er plötzlich reich.

Im australischen Melbourne ereignet sich vor einigen Tagen Folgendes: Michael Rogers ist obdachlos und hält sich mit einem leeren Einkaufswagen vor einem Supermarkt auf. Ein aus Somalia stammender Mann ist auf dem Weg, ein weiteres Attentat zu verüben. Einen 74-jährigen Mann hat er schon umgebracht, wie man später erfährt. Michael Rogers beschleunigt seinen Schritt, den Einkaufswagen schiebt er vor sich her. Im richtigen Moment rammt er den mutmaßlichen Terroristen. Der stürzt zu Boden und kann von herbeieilenden Polizisten überwältigt werden.

Schon bald und nach Erklärungen der Polizei zu diesem „heldenhaften“ Verhalten wird Rogers als „Trolleyman“, als „Einkaufswagenmann“ gefeiert. Und mehr noch: es wird ein Spendenkoto für ihn eingerichtet. Bis zum Zeitungsbericht bei uns sollen sich schon etwa 80.000 Euro auf dem Konto befinden.

Die meisten Helden wollen gar keine sein. Wenn sie auf die Welt schauen, können sich viele kaum vorstellen, da oder dort einzugreifen. Dann aber kommt es bei manchen zu Augenblicken, in denen sie unfreiwillig zum Helden werden. Der Augenblick und das richtige Handeln macht sie zu Helden. Sie greifen ein – und es ist richtig. Oder sie verzichten auf etwas – und genau das musste dann getan werden. Sie selbst fühlen sich eher nicht heldenhaft. Es ist Ihr Da sein – und die Entscheidung des Augenblicks – die den Helden oder die Heldin macht.

Wir sollten uns nicht wünschen, ein Held oder eine Heldin zu werden. Das kann anstrengend sein. Vieles im Leben können wir uns nicht aussuchen. Dabei gibt es Augenblicke, da können wir nicht lange überlegen und können uns auch nicht aussuchen, was jetzt wohl zu tun ist. Dann muss es sofort getan werden. Dann müssen wir handeln – oder es sein lassen. Und diese Augenblicke können wir kaum vorbereiten.

Wir können sie nur ein wenig vorausdenken. Wie wäre ich – in dieser oder jener Situation? Was riskierte ich? Wir können mit unserem Gewissen vorausschauen, wenigstens ein bisschen. Und wir können Gott bitten, dass er uns solche Augenblicke erspart – oder, wenn sie da sind, dass er uns Herz und Hand führt.

Manche macht einfach ihr Da sein zu Helden; ihre Haltung in einem besonderen Augenblick. Viel Heldenhaftes werden wir nie erfahren. Aber wir kennen Menschen, die – wie Helden oder Heldinnen – unser Leben geprägt und begleitet haben. Durch ihr Da sein. Dadurch, dass sie nicht verurteilen. Durch ihren Trost, der einfach Nähe war. Vergessen wir nie, ihnen zu danken. Und Gott zu danken, dass er uns im richtigen Moment Menschen gab, die unser Leben mitgetragen haben.

(Foto t-online.de Text F. Müller nach buhv.de)