Dekan Dr. Matthias Büttner

Predigt zum 10. Sonntag n. Trinitatis, 21. August 2022

Jesus sagt: 17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. 20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Liebe Gemeinde!

Fangen wir mit dem Schluss unseres Bibelwortes an. „Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer…” So sagt Jesus. Und diese Aussage wurde zur Grundlage für eine ganz lange und ganz schreckliche Geschichte der Abwertung von Juden und Judentum. Daran denken wir auch heute an diesem Israel-Sonntag.

Da sitzen also irgendwo an der Nordsee Menschen bei einem Familienfest. Der Herr Pastor ist auch eingeladen. Weil es draußen nasskalt und ungemütlich ist, genehmigen sich die Herren der Tafelrunde eine ordentlichen Schuss Schnaps in ihren Kaffee. Damit das aber niemand merkt bzw. riecht, kommt eine Sahnehaube auf den Kaffee. Der Herr Pastor kommt aber dem Schwindel auf die Schliche und er ruft den Herren ermahnend zu: O, ihr Pharisäer.

So erzählt man sich die Entstehungsgeschichte der Kaffeespezialität „Pharisäer”. Schlimm daran ist, dass die Reaktion des Pastors spontan erfolgt ist. Offenbar dachte er bei einem Schwindel automatisch an Pharisäer und damit auch an Juden. Was für ein furchtbarer Automatismus.

Ganz anders aber die Realität. Denn die Pharisäer von damals waren viel besser als ihr Ruf bei uns heute. Sie waren die Hochengagierten und sehr freigiebig, vergleichbar mit den hoch- engagierten Ehrenamtlichen in unseren Kirchengemeinden. Jesus suchte immer wieder den Kontakt zu ihnen und diskutierte mit ihnen. Ähnliches gilt für die Schriftgelehrten. In der Begebenheit, von der uns heute die Evangeliumslesung erzählt, kommen Jesus und ein Schriftgelehrter in einem Gespräch auf Augenhöhe zum gleichen Ergebnis hinsichtlich der Bedeutung der Gebote.

Wenn es also in unserem Bibelwort keinesfalls um eine Abwertung des Judentums oder der Juden hier geht, und das ist ja Gott sei Dank mittlerweile Konsens, worum geht es dann bei dieser Kritik, die Jesus hier übt?

Offenbar hat Jesus den Eindruck erweckt, dass er manche Gesetzesvorschriften aus dem Alten Testament zu ignorieren scheint. Denken wir nur an die Heilungen, die Jesus am Sabbat durchführte und damit den Zorn jener Pharisäer und Schriftgelehrten erregte. Hat Jesus mit einer solchen Heilung nun das Ruhegebot am Sabbat verletzt? Oder hat er vielleicht gerade durch diese Form der Aktion, nämlich der Heilung, dem Sabbat die größte Ehre erwiesen?

Der Schlüssel für die Beantwortung dieser Frage ist die Sache mit der Gerechtigkeit. Jesus sagt ja zu seinen Anhängern, dass ihre Gerechtigkeit besser sein müsse als die der Pharisäer und Schriftgelehrten. Das bedeutet dann, dass ich ein Gebot, eine Vorschrift gerecht anwenden kann oder auch ungerecht. Oder anders gesagt: werde ich dem, was ein Gebot oder eine Vorschrift eigentlich will, gerecht?

Es gibt dazu eine interessante Begebenheit: als Jesus mit seinen Jüngern an einem Sabbat durch ein Kornfeld geht und die Jünger anfangen Ähren auszuraufen um das Korn zu essen. Das Feld dürfte weder Jesus noch den Jüngern gehört haben, doch das Ausraufen von Ähren, um den spontanen Hunger zu stillen, war durch das Gesetz gedeckt. Aber da ist die Sache mit dem Sabbat. Stellt das Ausraufen von Ähren nun eine Arbeit dar, die am Sabbat nicht getan werden darf? Wenn ja, was ist dann der Unterschied, wenn ich mit der Hand ein Stück Brot mir in den Mund schiebe? Jesus löst die Problematik mit einem kongenialen Satz: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht umgekehrt.

Das also kritisiert Jesus bei den Schriftgelehrten und Pharisäern. Und diese Kritik wäre heute auch bei manchen der so genannten Hochengagierten zutreffend.

Wenn Jesus eine bessere Gerechtigkeit einfordert, dann meint er damit keine neue Gerechtigkeit, sondern er meint, mehr Gerechtigkeit walten zu lassen. Das bedeutet: die Gesetze Gottes sind nicht um ihrer selbst willen da. Sie sind dazu da, Menschen zu helfen, uns zu unterstützen. Wenn wir so mit den Gesetzen Gottes umgehen, werden wir diesen gerecht.

Deshalb sagt Jesus, es sei nicht gekommen, die Gesetze Gottes aufzulösen, sondern zu erfüllen. Erfüllen ist mehr als sich sklavisch an etwas zu halten ohne zu überlegen. Erfüllen ist Gottes Gesetz so anzuwenden, dass es den Menschen gerecht wird.

Es gibt den schönen Witz, in dem eine Person eine Gruppe von Prüflingen vor sich hat. Die Prüfling sind alle sehr unterschiedlich. Damit es dennoch gerecht zugeht, fordert die Person von allen Prüflingen die gleiche Aufgabe: nämlich auf einen Baum zu klettern. Dann aber sieht man die Prüflinge: einen Vogel, einen Affe, einen Pinguin, einen Elefant, einen Goldfisch im Glas, und einen Hund. Sofort dämmert es einem: Obwohl alle dieselbe Aufgabe meistern sollen, ist das Vorgehen alles andere als gerecht. Ein Vogel kommt mit Leichtigkeit auf einen Baum, ein Goldfisch im Glas niemals im Leben. Selbst wenn der Goldfisch es mit alle Kraft wollte, er kann diese Vorgabe niemals einhalten.

Jesus will, dass wir Gottes Gebote erfüllen. Und das ist mehr als nur einhalten. Erfüllen meint, dass Gottes Wille zum Tragen kommt. Erfüllen meint, dass Gottes Königsherrschaft hier auf Erden umgesetzt wird, indem Menschen einander achten und füreinander sorgen.

Um das zu ermöglichen gibt uns Jesus noch einen kleinen Trick mit auf den Weg. Er sagt, wer die Gebote Gottes tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Wer die Gebote tut und lehrt. In dieser Reihenfolge! Erst das Tun und dann das Lehren.

Das bedeutet, wenn ich die Einhaltung eines Gebotes fordere, muss ich mich zugleich fragen, ob mich dieses Gebot nur theoretisch oder auch praktisch herausfordert. Anders gesagt: wie trifft mich ein Gebot in meiner Lebenswirklichkeit? Als Beispiel erzählt Jesus die Begebenheit von einem Pharisäer und einem Zöllner im Tempel. Der Pharisäer dankte Gott für sein gutes Leben, in dem er Gutes tun kann. Der Zöllner aber, der schon berufsbedingt einiges auf dem Kerbholz hat, schlägt sich an die Brust und sagt, Gott sei mir Sünder gnädig. Und Jesus sagt, dass der Zöllner gerechtfertigt nach Hause ging, nicht der Pharisäer.

Der Pharisäer kann sein Leben an Gottes Gebot ausrichten. Das ist gut. Aber kein Grund, sich etwas darauf einzubilden. Denn der Zöllner kann es nämlich nicht so einfach. Es ist wie bei der Baum-Prüfung. Es kann eben nicht jeder auf den Baum klettern. Oder anders gesagt: Keine Gerechtigkeit ohne Liebe.

„Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer…” So sagt Jesus. Es ist alles andere als eine Abwertung von Juden und Judentum. Es ist ein liebevoller Hinweis an uns, dass ein noch so gut gemeintes Pochen auf Gottes Gebot in Lieblosigkeit münden kann. Und damit den eigentlich Sinn von Gottes Gebot aus den Augen verliert.

Hierin verbirgt sich die Kunst, Gottes Gebot nicht nur zum Einhalten zu fordern, sondern zur Erfüllung zu bringen. Gott hat eben den Mensch nicht für das Sabbatgebot gemacht, sondern umgekehrt: er hat das Sabbatgebot und alle anderen Gebote auch für den Menschen gemacht.

© Dekan Dr. Matthias Büttner – Ansbach – matthias.buettner@elkb.de

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