Jeder hat seine eigene Gnade

In England sind Wilf und Vera 71 Jahre verheiratet (Stern-online 12. April 2017). Dann sterben beide innerhalb weniger Minuten. Er im Heim, sie zu Hause, jeweils vom Tod des anderen nichts wissend. Es gibt sie also, die Gnade. Womöglich auch für uns?

Es gibt sie tatsächlich, die Gnade. Beim Ehepaar Wilf und Vera ist sie. Vor einigen Tagen stirbt Wilf mit 93 Jahren. In einem Pflegeheim in England. Dort ist er guter Dinge, bis zuletzt. Seine Frau Vera besuchte ihn. Jeden Tag, fünf Kilometer mit dem Bus. Zu Hause ging es nicht mehr. Die Lasten miteinander wurden zu schwer. Darum lösen sie es so. Wilf will ins Heim und tut es auch. Vera besucht ihn dort. Es geht gut. Bis etwas geschieht vor ein paar Tagen. Wilf erkennt seine Frau nicht mehr. Ganz plötzlich kommt das, mit 93 Jahren. Erschrocken fährt Vera nach Hause. Das wollte sie doch nicht mehr erleben, dass ihr Mann sie nicht erkennt. Zu Hause muss sie sich setzen. Sie ist verstört. Fühlt sich alleine gelassen. Nichts geht ewig so weiter. Das ahnte sie. Jetzt weiß sie es. Es gilt auch für ihr Leben. Wie sie das alles bei sich bedenkt, stirbt sie darüber. Was sie nicht weiß: Nur vier Minuten zuvor ist ihr Mann gestorben. Er ist einfach nicht mehr aufgewacht. Beide sterben innerhalb von Minuten. Nach 71 Ehejahren. Es gibt also Gnade.

Vielleicht auch für Sie, für mich. Warum denn nicht? Wenn Gnade ist, dann ist sie überall. Und jederzeit, in jedem Augenblick. Sie ist nicht überall und jederzeit gleich, das nicht. Jeder hat seine eigene Gnade. Jede hat ihre eigene Gnade. Oft erkennt man sie nicht oder will sie nicht erkennen. Sie ist aber da.

Gott kann nur Gnade, sagt der Apostel Paulus (1. Korinther 15,10): Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Dabei hat er viel erlebt von dem, was wir oft „ungnädig“ nennen, oder „gnadenlos“. Dennoch schreibt Paulus: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Also muss es sie geben, die Gnade. Nicht nur für andere, auch für mich.

Dann kann auch ich sie suchen. Und sie womöglich finden und erkennen. Ich kann mein Leben daraufhin ansehen. Ist alles, was mir widerfährt, zufällig? Ist es blindes Schicksal oder böses Geschick? Oder ist da womöglich viel mehr Geschenk und Gnade, als ich es auf den ersten Blick vermute? Wer einen Toten auferweckt, kann auch mir Gutes tun. Oft sehe ich das lange nicht, quäle mich mit vielen Fragen. An Gott und an das Leben. Das ist so und tut dann sehr weh. Oft geht man an Gräber oder steht vor Trümmern wie die Frauen am Ostermorgen. Mit schwerem Schritt. Voller Trauer und Tränen. Bis man eines Tages spürt: Es ist auch Gnade da. Es ist Fürsorge und Hilfe von Menschen.
Das ist Gnade. Nicht alleine zu sein. Hilfe erfahren. Trost und Wärme beim Frösteln. Gnade ist oft unscheinbar. Aber wo sie ist, leuchtet es hell.

Gnade ist, wenn etwas leichter wird im Schweren.

(foto dpa/picture alliance/Felix Kästle text fm nach buhv.de)

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