Dekan Dr. Matthias Büttner

„Gott“ – Predigt zu Jesaja 6,1-11 am 4. Juni 2023 in St. Gumbertus

„Gott“
Predigt zu Jes 6,1-11

Trinitatis, 4. Juni 2023
St. Gumbertus, Ansbach

Wir hören aus dem Buch des Propheten Jesaja im 6. Kapitel: 1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. 2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. 3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! 4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch. 5 Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. 6 Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glü- hende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, 7 und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei. 8 Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! 9 Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! 10 Verfette das Herz dieses Volks und ihre Ohren verschließe und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und gene- sen. 11 Ich aber sprach: Herr, wie lange?

Liebe Gemeinde!

Mit was für einem unfassbar gewaltigen, großen Gott haben wir es zu tun! Dieses Staunen schlägt mir aus den geheimnisvollen Worten des Propheten Jesaja entgegen. Und es zeigt den himmelweiten Unterschied zwischen unserem gelegentlichen Reden von Gott – „Ach Gotterla“ – und dem, wie Gott wirklich und tatsächlich ist. Die Worte Jesajas wirken auf mich wie der größtmögliche Kontrast zu unserer Gegenwart, wo der christliche Glaube zunehmend belächelt wird und Gott gleich mit dazu.

Der aufgeklärte, moderne Mensch braucht keinen Gott. So scheint es. Dass über Jahrhunderte Bibliotheken gefüllt wurden über die „Gottesgelehrtheit“, wie man im Holländischen so schön lautmalerisch sagt, sei’s drum. Mit nur einer Wischbewegung erledigt. Glaube ist doch nur etwas für kleine Kinder: „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.“ Und so feiert der aufgeklärte, moderne Mensch die Kirchenaustritte unserer Tage als führten sie in eine neue Freiheit.

Aber jetzt kommt der Prophet Jesaja. Ein Prophet. Weder Sie, liebe Gemeinde, sind zu Propheten be- rufen, noch bin ich es. Vielleicht kommen uns zuweilen kleinere prophetische Aufgaben zu. Mehr aber nicht. Und das ist auch gut so.

Der Prophet Jesaja nämlich wird von Gott derart in Beschlag genommen, dass er Todesängste aus- steht. „Weh mir, ich vergehe!“ Wörtlich übersetzt steht da: weh mir, ich werde zum Schweigen ge- bracht. Jesaja muss zum Schweigen gebracht werden, um Gott zu sehen. Er sieht darin Gott im Tempel sitzen so unvorstellbar groß, dass schon der Saum des Gewandes den ganzen riesigen Tempel ausfüllt.

Und dann sind da diese Serafim, was so viel heißt wie Schlangenwesen. Sie gehen zurück auf den ägyptischen Uräus, eine Art von Kobra in aufrechter Position, die der Pharao auf der Stirn trug. Diese Kreatur war in Ägypten der Inbegriff für Macht und Stärke, eine Art von Schutzmacht. Die Ägypter sahen in ihnen die Macht, auf die sie vertrauten. Weil die Kultur der damaligen Supermacht Ägypten auch nach Israel ausstrahlte, waren die Uräi auch bei den Israeliten beliebt. Man trug sie auf Amulet- ten wie einen Talisman. Die Menschen dürften also aufgehorcht haben, als Jesaja in seiner Rede diese vermeintlichen Beschützer und Glückbringer sich vornimmt. Aber noch mehr aufgehorcht dürften die Menschen haben, dass sogar diese ungeheuer starken Schutzmächte sich vor dem erhabenen Gott verbergen müssen. Ängstlich müssen sie ihr Antlitz mit den Flügeln bedecken. Und müssen dem einen und einzigen Gott „Halleluja“ singen. Mit einer Wischbewegung erledigt Jesaja den aber- gläubischen Firlefanz.i)

Woran glaubt eigentlich der aufgeklärte, moderne Mensch? Was sind die Schutzmächte, denen er vertraut? Braucht er am Ende gar keine mehr? Aber macht ein Mensch, der keinen Gott mehr kennt, sich nicht automatisch selbst zum Gott? Ist das nicht Grund gewesen, den sogenannten Gottesbezug in das Grundgesetz zu schreiben? Allesamt Fragen, die müßig sind. Denn der Prophet Jesaja – und das macht ihn zum Propheten – öffnet uns das Herz und den Verstand dafür, dass es allein darauf ankommt, dass da dieser Gott ist. Und nicht nur ist, sondern lebt und regiert. Und wenn die Menschen noch so stolz auf ihren Unglauben sind.

Vorzeiten erschütterten naturwissenschaftliche Erkenntnisse den Glauben. Als Galileo Galilei entdeckte, dass sich die Erde um die Sonne dreht – und nicht umgekehrt, war die Aufregung groß. Und groß war die Häme, als Yuri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum vorstieß und, wie es sich für einen Sowjetbürger von damals gehört, lakonisch feststellte, dass er Gott dort nicht begegnet sei. Jetzt aber scheint es umgekehrt zu sein.

Das Hubble-Teleskop war das erste Teleskop in der Umlaufbahn unserer Erde, das unbeeinträchtigt durch die Atmosphäre so tief in den interstellaren Raum blicken konnte, wie nie zuvor möglich. Die Fotos waren so atemberaubend, dass einem fast automatisch ein Loblied auf Gott den Schöpfer über die Lippen kam. Seit einiger Zeit gibt es nun den Nachfolger des Hubble-Teleskops: das James-Webb- Teleskop. In seiner Ausgabe kurz vor Weihnachten berichtete DER SPIEGEL darüber. Das Nachrichtenmagazin, das nun wahrlich nicht den Ruf eines kirchennahen Blattes hat, schrieb vom Geheimnis der Schöpfung und zitierte aus dem 1. Buch Mose: „Finsternis lag auf der Tiefe“, heißt es am Anfang der biblischen Geschichte. Dann sprach Gott: „Es werde Licht!“ Bisher galt das als religiöser Mythos. Jetzt aber gibt es Fotos.ii)

Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Jesaja bekommt sogar den Auftrag, das Herz der Menschen zu verfetten und ihre Augen und Ohren zu verschließen. Ein rätselhafter Auftrag. Kann es sein, dass es Zeiten gibt, wo Gott solches will und wirkt? Erleben wir am Ende eine solche Zeit hier im christlichen Europa? Wir können nur mit Jesaja fragen: Herr, wie lange? Und wie er bekennen, ein Volk unreiner Lippen zu sein.

Am heutigen Trinitatis-Sonntag können wir aber auch dankbar schauen auf Gottes Liebesbekundungen zu uns. Gott wählt als Mensch, als Kind in der Krippe den Weg zu uns. Als der Mensch gewordene Gottessohn durchleidet er den Tod und überwindet ihn in der Auferstehung. Und jeden Tag unseres Lebens ist er uns nah und zugewandt. Wir sehen dankbar, dass Gott als Gott nicht für sich allein bleibt, sondern uns sich zuwendet. Gott ruht nicht bis alle Welt in den Lobpreis der himmlischen Heerscharen einstimmen werden: Alle Lande sind seiner Ehre voll. Und dazu gibt es jetzt auch noch Fotos.

Und wir? Wir singen ihm jetzt schon den Lobpreis der himmlischen Heerscharen. Wir freuen uns, dass wir wissen, wer dieser Gott ist, der alles ins Sein rief. Der Film läuft noch. Aber wir wissen, dass er gut ausgeht.

DEKAN DR. MATTHIAS BÜTTNER, ANSBACH


i) Izaak J. de Hulster, GPM 77 (2023), S. 299f.

ii) Der Spiegel, Nr. 52, 23.12.2022, S. 93ff.

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