Feierliche Eröffnung der Bachwoche durch Landesbischof

Predigt am 28.07.2017 zur Ansbacher Bachwoche Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm:

Liebe Gemeinde,
„das Reich muss uns doch bleiben.“ Dieser große Vertrauenssatz am Schluss der Bach Kantate, die wir eben gehört haben, strahlt in unruhigen Zeiten eine tiefe Gewissheit aus. Eine Gewissheit, die zusammen mit den klaren und reinen Akkorden des Schlusschorals jetzt nachklingt. Das ist vielleicht das Schönste an der Ansbacher Bachwoche: dass wir hier nicht nur meisterhaft vorgetragene Musik hören, sondern dass diese Musik in der Seele nachklingt und dass sie das Wort Gottes, um das es Johann Sebastian Bach ja immer gegangen ist, in unsere Herzen hineinmusiziert. Deswegen ist die Ansbacher Bachwoche eben nicht nur ein musikalisches Erlebnis, sondern auch ein geistliches Erlebnis.
„Das Wort sie sollen lassen stahn. Und kein´ Dank dazu haben; er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.“ Die reinen Dur-Klänge, die Johann Sebastian Bach für die Harmonisierung der letzten Strophe verwendet, lassen – nach bewegten polyphonen und zum Teil fast turbulenten Sätzen – unsere Seelen zur Ruhe kommen. Das strahlende Dur lässt keinen Raum mehr für die Gottfeindlichkeit, die zuvor immer wieder durch Arien, Rezitative und Chöre, in denen vom Satan die Rede war, angeklungen ist. Der Kräfte zehrende Kampf mündet in der Musik des Schlusschorals in Frieden. Johann Sebastian Bach verleiht damit dem berühmten Text Martin Luthers einen
abschließenden versöhnenden Charakter. Nicht immer stand Frieden und Versöhnung im Zentrum, wenn dieses oft als „Reformationshymne“ bezeichnete Lutherlied in der Vergangenheit gesungen wurde. „Ein feste Burg ist unser Gott“ wurde in den letzten Jahrhunderten gerne als Kampflied gesungen, um anderen Konfessionen oder Nationen die eigene Kampfesbereitschaft zu zeigen. Und vielleicht ist gerade das in der Vergangenheit ein oft auch ungewolltes, aber eben faktisch in die Irre führendes Erbe dieses Chorals gewesen. Ein Lied, das andere ausgrenzte und zum Kampf gegen Andersdenkende gebraucht wurde. Heinrich Heine hatte „Ein feste Burg“ einmal als „Marseiller Hymne der Reformation“ bezeichnet und Friedrich Engels sagte über das Lied, es sei die „Marseillaise der Bauernkriege“. Das kann nun zwar nicht stimmen, da Luther das Lied vermutlich erst im Jahre 1529 und damit vier Jahre nach den Bauernkriegen gedichtet hatte, aber beide Bezeichnungen machen deutlich, dass dieser Choral in weiten Teilen der Gesellschaft als konfessionelles oder gesellschaftliches Kampf- und Widerstandslied verstanden wurde. „Missverstanden wurde“ muss man eigentlich ganz klar sagen, jedenfalls wenn man die biblische Grundlage bedenkt, auf der Martin Luther sein Psalmlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ dichtete: So heißt es in Psalm 46: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen… Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Kommt her und schauet die Werke des Herrn, der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!“ Der Grundton dieses Psalms ist gerade nicht Kampf und Aggression. Sondern der Grundton ist ein tiefes Vertrauen in das schützende Wirken Gottes. „Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge“ „…schauet die Werke des Herrn, der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt“. „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!“ Der kämpferische Geist ist hier eingefügt in den festen Glauben, dass Gott am Ende seine Macht erweisen wird – ein Glaube, der sich auch dadurch nicht erschüttern lässt, dass aller Augenschein dagegen spricht. „Und wenn die Welt voll Teufel wär. Und wollten uns verschlingen. So fürchten wir uns nicht so sehr. Es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt. Wie saur er sich stellt. Tut er uns doch nicht. Das macht, er ist gericht‘. Ein Wörtlein kann ihn fällen.“ Ja, da hat Luther den Psalm 46 genau richtig aufgenommen. Und es bis heute genau richtig auf den Punkt gebracht. Hat es in unsere Welt hineingesprochen, die ja wahrlich voll ist von Teufeln. Voll von Gewalt, unvorstellbarer Gewalt, wirklich teuflischer Gewalt, die Menschen wegen ihres Glaubens die Köpfe abschneidet oder Menschen im Krieg so verroht, dass sie andere foltern und quälen. Voll von extremer Ungerechtigkeit auf der Welt, die gerade darin ihr teuflisches Gesicht zeigt, dass wir uns nahezu vollständig an sie gewöhnt haben und erst dann wieder aufwachen, wenn zehntausende Flüchtlinge aus den Armutsgebieten der Welt an unseren Grenzen stehen, in der Hoffnung, endlich ein Leben in Würde führen zu können.
„Kommt her und schauet die Werke des Herrn, der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!!“ Gott macht den Kriegen und der Ungerechtigkeit ein Ende! Und wir werden zum Werkzeug seines Friedens, indem wir das erkennen. Indem wir erkennen, dass genau dieser Gott wirklich Gott ist. Dass dieser Gott der Richter ist, der dem Fürsten dieser Welt, dem Herrn der Teufel, der Triebkraft von Hass, Gewalt und Ungerechtigkeit, die Macht nimmt. „Das macht, er ist gericht‘. Ein Wörtlein kann ihn fällen.“
Darauf zu vertrauen, diese Gewissheit in seine Seele einzulassen, heißt, radikal zu empfangen. Radikal mit Gott zu rechnen. Radikal auf Gott zu bauen. Es heißt nicht, seine Hände in den Schoß zu legen! Es ist ein aktives Empfangen, von dem da die Rede ist.
In der Kantate gibt es eine Formulierung, die ich in dieser Hinsicht unglaublich berührend und zutiefst ansprechend finde: „Lass nicht dein Herz, den Himmel Gottes auf der Erden, zur Wüste werden. Bereue deine Schuld mit Schmerz, dass Christi Geist mit dir sich fest
verbinde!“ Ein wunderschönes Bild, wie ich finde: Das Herz des Menschen als der Himmel Gottes auf Erden. Und genau dieser Himmel Gottes auf Erden steht in Gefahr, zur Wüste zu werden. Indem wir uns abschotten, einen Panzer um uns herum anlegen, selbst zu einer
festen, starren Burg werden und im Herzen verhärten oder, weil uns die Nahrung für die Seele fehlt, zur Wüste werden, in der nichts mehr wachsen und gedeihen kann. Und dann wird der Weg gezeigt, wie die Wüste wieder zum Blühen kommen kann: „Bereue deine Schuld mit Schmerz, dass Christi Geist mit dir sich fest verbinde!“ Das Erkennen und Bereuen der eigenen Schuld nicht als ein Sich-Klein-Machen oder als Selbstabwertung oder gar Selbstverneinung, sondern als Weg zum Leben im Geiste Jesus Christi, als Weg zum Leben in der Liebe, als Weg zum gelebten Zeugnis für Friede und Gerechtigkeit!
In der Arie 7 wird auf den Punkt gebracht, wie genau das die Tür für ein gelingendes, ein erfülltes Leben ist: „Wie selig sind doch die, die Gott im Munde tragen. Doch selger ist das Herz, das ihn im Glauben trägt.“ Der Weg von der Macht der Teufel, von denen die Welt voll ist, zur Seligkeit trägt den Namen Jesus Christus. In ihm begegnet uns der Gott, der eine feste Burg ist und der allein unser Vertrauen verdient. Er gibt uns die Kraft, die wir brauchen, um auch in schwierigen Zeiten zu bestehen. Aber er gibt sie uns nicht voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern ganz auf ihn verlassen. Johann Sebastian Bach zählt zu den bedeutendsten Komponisten der Menschheitsgeschichte. Wenn man seine Werke betrachtet, dann könnte man verstehen, wenn er selbstbewusst und vielleicht sogar mit ein wenig Hochmut durch die Welt gegangen wäre und gesagt hätte: seht einmal, welch wunderbare Musik ich schreiben kann. Ich bin wahrlich ein brillanter Komponist. Doch sein Motto über seinem Leben und seinem Schaffen war ein anderes: „Soli deo gloria“. Allein Gott zur Ehre“. Das hat Bach
unter fast jede seiner Kompositionen geschrieben. Damit hat er sich und andere daran erinnert, auf was es in seinem Leben ankam. Und von wem die Kraft für alles kam, was er war und was er wirkte.
Genau heute jährt sich der Tod Johann Sebastian Bachs zum 267. Mal. Auch wenn uns über die letzten Stunden Bachs nichts Genaues bekannt ist, so wage ich doch zu vermuten, dass er sein Lebensmotto auch dann vor Augen und im Herzen hatte. Und dass er auch da gespürt hat, woher seine Hilfe, seine Zuversicht und Stärke kommt. Es gilt auch für uns heute: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen… Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Kommt her und schauet die Werke des Herrn, der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!! Diese Gewissheit trägt: im Leben, im Sterben und darüber hinaus. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

(foto elkb.de)

FLZ vom 29.07.2017

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