Dekan Dr. Matthias Büttner

„Das ewige Leben beginnt heute“ | Predigt zu Palmarum in St. St. Johannis (Ansbach)

„Das ewige Leben beginnt heute“
Predigt zu Joh 17,1-3
Palmarum, 24. März 2024
St. Johannis, Ansbach

Liebe Gemeinde!

Der große Schweizer Theologe Karl Barth musste dereinst seinen Sohn Matthias im Alter von zwanzig Jahren beerdigen. Er war bei einem Bergunfall ums Leben gekommen. Barth sagte bei der Trauerpredigt: „Das ist die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dass wir uns an ihn [als unseren Herrn] halten und mit an der Grenze stehen dürfen, wo das Jetzt und das Dann sich berühren, dass wir an dieser Grenze glauben, lieben und hoffen dürfen. […] Wir wollen uns auch im Gedenken an unseren Matthias an keinen anderen Ort als eben an diese Grenze stellen. Er ist nun drüben, und wir sind noch hier. Aber er ist uns nicht fern und wir ihm nicht, wenn wir uns an die Grenze stellen. In Jesus Christus ist ja keine Ferne von Jetzt und Dann, von Hüben und Drüben, so abgrundtief sie geschieden sind.“i

Noch nie ist so schön von einer Grenze gesprochen worden. Von der Grenze, die unser Leben hier und das ewige Leben dort voneinander trennt. Diese Grenze kennen wir gut; manchmal zu gut. Aber heute hören wir, dass wir an dieser Grenze stehen können. Und dass sich Hüben und Drüben verbinden. Dass sich irdisches und ewiges Leben ganz nah kommen.

An einer Grenze befindet sich auch Jesus beim Einzug nach Jerusalem. Daran denken wir heute am Palmsonntag. Jesus wird bejubelt, sein Weg mit Palmzweigen ausgelegt. Aber nur wenig später wird der Jubel in das schreckliche „Kreuziget ihn!“ umschlagen. Jesus weiß, dass er die Grenze von diesem Leben hin zum ewigen Leben bald passieren wird.

Wir hören aus dem Johannesevangelium im 17. Kapitel: 1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; 2denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. 3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Jesu Kreuzigung wird im Johannesevangelium als Verherrlichung bezeichnet: Vater, die Stunde ist da:

verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche. Kreuzigung und Auferstehung rücken ganz eng aneinander. Da ist zwar eine Grenze zwischen beiden. Aber an dieser Grenze stoßen beide eben auch aneinander. Das Hüben und das Drüben berühren sich und sind miteinander verbunden. Bei Jesu Kreuzigung ist der Tod auf geheimnisvolle Weise Leben. Das ewige Leben beginnt für Jesus am Kreuz.

Ja, das ist ein Geheimnis. Und seit Jesu Grenzüberschreitung am Kreuz, ist dieses Geheimnis in unserer Welt Wirklichkeit. Vor gut einem Monat hat der russische Jurist und Oppositionspolitiker Alexei Nawalny in einem Strafgefangenenlager den Tod gefunden. Wenige Tage nach seiner mehr oder weniger Ermordung berichtete der aus Russland stammende Schweizer Journalist Alexander Estis über das, was in russischen Foren mit Blick auf Nawalny und andere ermordete Dissidenten geschrieben steht. Ein Satz hat mich dabei besonders beeindruckt: „‚Sie wurden ermordet, doch sie leben‘, […] ‚aber wer sie tötete, der lebt, und ist doch ein Toter.‘“ii Das Geheimnis der Grenzüberschreitung.

Das violette Antependium, also das am Altar angebrachte Tuch in der Passionszeit, zeigt in St. Gumbertus, anders als hier in St. Johannis, eine Schlange, die an einem kreuzähnlichen Stab aufgerichtet ist. Vor ein paar Tagen fragte mich ein Besucher nach deren Bedeutung. Hintergrund ist eine Geschichte aus dem 4. Buch Mose (21,9): Mose macht auf Gottes Geheiß eine bronzene Schlange „und richtete sie hoch auf“, wie es heißt. Darunter kann man sich eine Stabkonstruktion vorstellen, die hochgehalten wird, damit die Menschen die Schlange ansehen können. Wer von einer echten Schlange gebissen worden ist und diese eherne Schlange ansieht, bleibt am Leben.

Das Johannesevangelium hat diese Begebenheit aus dem 4. Buch Mose aufgenommen und mit Jesu Kreuzigung verglichen. So heißt es (Joh 3,14f.): Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Wie also der Blick auf die Schlange einst heilte, so rettet heute der Blick auf Christus.

Heute an Palmsonntag erfahren wir nun, warum das so ist. In Jesus ist unser Leben und das ewige Leben verbunden. In Jesus ist das Hüben und Drüben beieinander. Jesu Kreuzigung ist auch seine Verherrlichung. Wenn wir uns an Jesus halten, dann stehen wir an dieser Grenze und können vom Jetzt in das Dann hinüberschauen.

Wir Menschen können die Frage nach dem ewigen Leben stellen. Dass wir das können, macht uns zu Menschen. Und heute bekommen wir eine Antwort. Jesu Tod ist der Beginn des ewigen Lebens. Hüben und Drüben kommen in ihm zusammen. Das ewige Leben beginnt schon in diesem Leben.

Vor Jahren hatte ich ein Baby zu beerdigen, dass kurz vor der Geburt im Leib seiner Mutter gestorben war. Bei der Aussegnung wenige Tage vor der Trauerfeier lag das kleine Wesen wie aus Wachs in seinem weißen Kindersarg. Drumherum standen die Eltern, ein Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens und ich. Der Vater hatte eine Spieluhr mitgebracht. Er zog sie auf, legte sie in den Sarg zu dem Kindlein und sagte, die solle jetzt noch einmal für es spielen, wie schon während der Schwangerschaft. Die Eltern waren so traurig.

Als sie dann gegangen waren, standen der Bestatter und ich noch beieinander am Sarg und philosophierten. Und wir kamen zu dem Schluss: wenn wir nicht den Glauben, die Aussicht auf das ewige Leben hätten, wäre das Leben im Grunde sinnlos. Und so sprach ich dann bei der Trauerfeier davon, dass dieses Kind dort Drüben das Leben leben wird, das ihm hier auf Erde nicht vergönnt war, dass das ewige Leben für das Kindlein jetzt beginnt.

Jesus sagt: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche. Δοξάζω (doxazo) ist das griechische Wort, das Zauberwort möchte ich sagen. Verherrlichen. Das heißt: Jeder, der mit dem Blick auf diesen Jesus stirbt, der wird verherrlicht. Die Grenze zwischen Hüben und Drüben gibt es für ihn nicht mehr.

Und wir? Wir dürfen an dieser Grenze bis dahin stehen und hinüberschauen. Wir sind zwar im Hüben. Aber das Drüben mit allen, die uns vorangegangen sind, ist uns nicht fern. Das ewige Leben beginnt jetzt.


i KARL BARTH, Predigten 1935-1952, Gesamtausgabe I. Predigten, Zürich 1996, S. 225f.: in GPM 67 (2013), S. 168f.
ii Süddeutsche Zeitung vom 19.02.2024.

DEKAN DR. MATTHIAS BÜTTNER, ANSBACH

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