Dekan Dr. Matthias Büttner

„Auferstehung wirklich!“ – Predigt zu 1. Kor 15,1-8  am Ostersonntag, 9. April 2023

„Auferstehung wirklich!“ 
Predigt zu 1. Kor 15,1-8 
Ostersonntag, 9. April 2023 
St. Johannis, Ansbach 

Liebe Gemeinde

Wir werden heute an etwas Wichtiges erinnert. Paulus tut es in seinem 1. Brief an die Korinther im 15. Kapitel: 1 Ich erinnere euch aber, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, 2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s so festhaltet, wie ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr’s umsonst geglaubt hättet. 3 Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; 4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; 5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. 6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. 7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. 8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. 

Daran erinnert uns heute Paulus: dass wir die gute Nachricht von der Auferstehung Jesu ja nicht vergessen, sondern an ihr festhalten. Paulus nimmt es hier ganz genau. Penibel zählt er auf, dass Christus nach seiner Auferweckung am dritten Tag von Kephas, also Petrus gesehen worden ist, dann von allen zwölf Jüngern, dann von weiteren 500 Brüdern und wohl auch Schwestern, dann von Jakobus und allen Aposteln und schließlich ist der auferstandene Christus auch von ihm, Paulus, als dem letzten in der Reihe gesehen worden. 

Warum so penibel? Warum so eindringlich? Die Antwort ist: Der Glaube an die Auferstehung macht selig. Mehr noch: der Glaube an die Auferstehung rettet, so steht es im Griechischen genauer da. Der Glaube an die Auferstehung rettet uns Menschen vor der gähnenden Leere des Todes, von der wir nicht wissen, was in ihr lauert. 

In dem Psychothriller „The Sixth Sense“, also „Der sechste Sinn“ spielt Bruce Willis, der kürzlich seine Demenzerkrankung öffentlich gemacht hat, den erfolgreichen Kinderpsychiater Dr. Crowe. Eines Abends wird er in seinem Haus von einem ehemaligen Patienten überfallen. Der Patient wirft ihm vor, ihn vor Jahren als Kind falsch behandelt zu haben, zückt eine Pistole und schießt Dr. Crowe nieder. Danach nimmt sich der Mann selbst das Leben. Schnitt. Ein halbes Jahr später kommt zu Dr. Crowe eine besorgte Mutter mit ihrem Sohn, der ähnliche Symptome aufweist wie der Patient von damals, der ihn als Erwachsener überfallen hatte. Dr. Crowe beschließt, nun alles besser zu machen. Und tatsächlich: es gelingt ihm, das Vertrauen des achtjährigen Patienten zu gewinnen. Und so weiht der völlig in sich gekehrte und schüchterne Junge Dr. Crowe in sein Geheimnis ein: er könne tote Menschen sehen, die auch zu ihm sprechen würden, aber nicht wüssten, dass sie eben tot sind. Dr. Crowe will dem auf den Grund gehen. Er verbeißt sich immer mehr in den Fall, von seiner Umwelt bekommt er so gut wie nichts mehr mit. Sogar für seine Frau scheint er wie Luft zu sein. Als sie an ihrem Hochzeitstag in ihrem traditionellen Restaurant sitzen, sagt sie nicht ein Wort zu ihm; und auch ihm ist es irgendwie nicht möglich, mit ihr zu sprechen. An einem Abend dann macht er eine schockierende Entdeckung: er kommt spät nach Hause, seine Frau ist auf dem Sofa eingeschlafen. Als er zu ihr hingeht, fällt ihr schlafend aus der Hand auf den Fußboden sein eigener Ehering. Und ihm wird mit einem Schlag klar: er selbst ist längst tot, gestorben an jenem Abend des Überfalls. Und gefangen in einer leeren Parallelwelt. 

Ohne den Glauben an die Auferstehung, müssten wir mit einer solchen leeren Parallelwelt des Todes rechnen. Aber mit dem Glauben an die Auferstehung löst sich diese Parallelwelt in Luft auf. 

Einst war die ganze Lebensführung der Menschen am Glauben an die Auferstehung, an einem neuen Leben nach dem Tod orientiert. „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.“ 

Der Himmel und das ewige Leben: Das war ja schließlich ein gewaltiges, ein unermessliches Versprechen, das große Investitionen lohnte. Das ewige Leben barg auch die Hoffnung auf eine Gerechtigkeit nach dem Tod angesichts dessen, dass es auf Erden den Guten oft schlecht und den Schlechten gut geht. Auferstehung: Das war die Erwartung, dass das Leiden doch Sinn hat – auch das Erleiden eines qualvollen Todes; denn dieses Leiden war ja zugleich der Eingang in die neue Welt Gottes. 

Der Geburt folgt das Leben; dem Tod folgt – nichts? Der große Philosoph Jürgen Habermas hat einmal gesagt, die verlorene Hoffnung auf die Auferstehung hinterlässt bei den Menschen eine spürbare Leere. Habermas, der sich als wenig religiös bezeichnet, wird damit zum Kronzeugen des Paulus. Er sagt: die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten, die Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott ist ein so gewaltiges und unermessliches Versprechen, das zu Lebzeiten große Investitionen und vielleicht auch manche Entbehrung lohnt. Was aber, wenn es die Hoffnung auf dieses Versprechen nicht mehr gibt? i)

Der Glaube an die Auferstehung rettet uns vor der gähnenden Leere des Todes, von der wir nicht wissen, was in ihr lauert. 

Der Glaube an die Auferstehung rettet uns aber auch vor der Überlastung des irdischen Lebens. Mit der Hoffnung auf das Paradies, muss dieses irdische Leben nicht mehr alles hergeben. Wir können getrost sein, weil da noch etwas kommt. 

Der Theologe Friedrich-Wilhelm Marquardt hat einmal geschrieben: Ostern war der Herrschaftswechsel über die Zeit, Tod und Leben rangen da um sie, und das Leben behielt den Sieg.ii) 

Wir feiern heute also kein vorübergehendes Happyend. Wir feiern heute allen Ernstes das Ende des Todes und den Sieg des Lebens. Damit lässt sich gut leben. Und auch einmal gut sterben. Es gibt keine leere Parallelwelt, vor der wir uns fürchten müssten. Es gibt ein ewiges Leben und damit Hoffnung und Gerechtigkeit. Denn Christus ist auferstanden. Der Apostel Paulus erinnert uns heute daran. 

DEKAN DR. MATTHIAS BÜTTNER, ANSBACH


i) Davon schreibt der Journalist Heribert Prantl in einem Leitartikel der Süddeutschen Zeitung vom Ostersonn-tag, den 19.04.2014. Der Artikel im Ganzen: Jeder weiß, was eine Geburt ist. Was es mit der Auferstehung auf sich hat, weiß keiner so recht. Auferstehung ist ein geheimnisvolles religiöses Versprechen, das sich angeblich nach dem Tod realisieren soll; aber schon der Tod ist für jeden verhüllt und verborgen. Ostern, das Fest der Auferstehung, ist daher ein viel schwierigeres Fest als Weihnachten. Der hingerichtete und begrabene Jesus steht drei Tage später wieder lebendig da, als Sieger über den Tod. Das ist Ostern; das sei, so sagt das Christentum, das Urmodell für die Auferstehung auch der normal Sterblichen. Auf den Gemälden der Renaissance sieht man daher, wie am Jüngsten Tag Skelette aus den Särgen steigen und sich mit Haut und Muskeln bekleiden. Diese „Auferstehung des Fleisches“: Ist sie das ewige Leben? Oder ist es so, dass zwar der Körper stirbt, aber der Geist bleibt, so wie es das Volkslied singt: „Die Seele schwingt sich in die Höh’, der Leib liegt auf dem Kanapee“? Ne-ben dem machtvoll-triumphalen liturgischen Ostergesang „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ klingt diese Volksweise ein wenig frivol. Aber ist nicht jeder Glaube an ein Weiterleben anstößig? Es verlangt einen ganz unbändigen, ganz unverschämten Glauben, an irgendeine Auferstehung zu glauben. Selbst viele Christen haben damit Probleme. Der selige Glaube daran, dass es ein ewiges Leben gibt, das mit dem Ende des irdischen Lebens beginnt, hat die Gewissheit verloren. Damit geht aber auch die tröstende Hoffnung verloren, dass es den Menschen, die im Diesseits elend dran sind, in einem Jenseits besser gehen wird: Nach dem Jammertal kein Paradies mehr. Die ganze Lebensführung der Menschen hat sich einst am Weiterleben nach dem Tod orientiert. Der Katechismus-Unterricht hatte das zum Merkspruch gereimt: „Eins hab’ ich mir vorgenommen, in den Himmel will ich kommen.“ Der Himmel und ewiges Leben: Das war ja schließlich ein gewaltiges, ein unermessliches Versprechen, das große Investitionen lohnte. Das ewige Leben barg auch die Hoffnung auf postmortale Gerechtigkeit angesichts dessen, dass es auf Erden den Guten oft schlecht und den Schlechten gut geht. Auferstehung: Das war die Erwartung, dass das Leiden doch Sinn hat – auch das Erleiden eines qualvollen Todes; denn dieses Leiden war ja zugleich der läuternde Eingang in die Ewigkeit. Der Geburt folgt das Leben; dem Tod folgt – nichts? Die verlorene Hoffnung auf Auferstehung hinterlässt deshalb, so hat das Jürgen Habermas formuliert, „eine spürbare Leere“. Der überirdische Trost ist verwelkt und mit ihm die Bereitschaft, das Un-aushaltbare, also auch die Elendigkeit des Sterbens, auszuhalten. Das hat Konsequenzen. Wie füllt man die Leere? Man machte sich also daran, das letzte Quäntchen Leben aus dem Menschen herauszuquetschen, um dessen Lebensdauer, auch höchst profitbringend für die Gesundheitsindustrie, wenigstens ein wenig in Richtung Ewigkeit zu verlängern. Medizinische Kunst und ihre Apparate machen das Immer-und-Immerweiter möglich. Und so kam es dazu, dass Sterbende nicht mehr sterben durften. Diese Art von Behandlung in der letzten Lebensphase hat zu einem Aufruhr der Bürger geführt. Am Ende des Lebens lebensverlängernd traktiert zu werden, hilflos an Schläuchen und Pumpen zu hängen – diese Vorstellung mündete in Revolutionserklärungen. Die eine Revolutionserklärung, mittlerweile gesetzlich anerkannt, heißt Patientenverfügung; sie versucht, für den Fall des Falles, lebensverlängernde Behandlungen zu unterbinden. Die andere Revolutionserklärung besteht im Ruf nach gesetzlicher Zulassung der aktiven Sterbehilfe. Es geht darum, ob sich ein Mensch auf den voraussehbaren Sterbeweg einlässt oder ob er ihn abkürzt; manchmal geht es um noch mehr, nämlich darum, dass ein Mensch sein Leben, das er als unwürdig betrachtet, beenden will – weil er seine Hilflosigkeit als einen beschämenden Zustand empfindet. Es geht vielen Menschen um das Gefühl der Kontrolle über ihre letzte Lebensphase, um eine neue Art der Sterbeversicherung, um die Möglichkeit letzter Notwehr, einer Notwehr gegen sich selbst, wenn der eigene Körper einem zum Feind wird. Man möge den Menschen, die an einer brutalen Form von Krebs leiden oder Angst vor dem gewindelten Ende haben, nicht mit dem lieben Gott kommen, dem sie mit einem Suizid nicht ins Handwerk pfuschen dürften. Das religiöse Poesiealbum ist nicht hilfreich für den, der an Gott und das ewige Leben nicht glauben kann. Eine gute Hilfe für Leidende und Sterbende ist ärztliche und pflegende Hilfe, liebevolle Zuwendung; sie kommt oft von wunderbaren Seelsorgern, die den Sterbenden und ihren Familien, nicht selten auch den Ärzten, beistehen. Der Sterbeprozess darf nicht zum Dahinvegetieren pervertiert werden. Davor bewahrt die Hilfe beim Sterben, in Ausnahmefällen auch die Hilfe zum Sterben. Hilfe heißt immer: Niemand darf zum Sterben gedrängt werden; es darf sich kein gesellschaftlicher und kein ökonomischer Druck zum „Frühableben“ entwickeln; das wäre pervers und schauerlich. Es darf aber auch niemand zum Weiterleben gezwungen werden, der partout und in freier Entscheidung nicht mehr will. Es darf, es muss „ein liebevolles ärztliches Unterlassen“ am Lebensende geben, wie das der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio schön formuliert. Und so wie es am Lebensanfang Hebammen gibt, sollte es Hebammen auch am Lebensende geben. Nein, mit dem Sterbehelfer ist nicht der „Dr. Tod“ gemeint, sondern derjenige, der weiß, wann künstliche Ernährung nicht mehr angezeigt, wann ein Mensch lebenssatt ist. Sterbende Menschen brauchen so viel Fürsorge wie Säuglinge. Fast immer ist der Ruf nach aktiver Sterbehilfe, die Forderung an den Arzt also, ein tödliches Mittel zu geben, auch ein Ruf nach Kommunikation. Der Satz „Ich will nicht mehr leben“ heißt übersetzt nicht selten „Ich will so nicht mehr leben“. Der Todeswunsch ist meist ein Wunsch nach Veränderung des Lebens am Ende des Lebens, ein Ruf nach Kontakt und Zuwendung, ein Aufschrei gegen das Gefühl der Verlassenheit und Nutz-losigkeit. Es gibt ja nicht nur den biologischen Tod, sondern auch den sozialen. Ein Mensch kann tot sein schon vor dem Tod: wenn kein Leben mehr in seinem Leben ist, wenn niemand mehr Zeit hat für ihn, wenn er abgeschoben ist. Auferstehung heißt dann Aufstand und Widerstand – gegen die Medizintechnik, gegen angebliche ökonomische Zwänge, gegen Bequemlichkeit, gegen zu enge Vorschriften. Wenn ein Mensch auf der letzten Strecke des Lebens die Todesangst verliert und in Frieden mit sich und den anderen sterben darf: Das kann Auf-erstehung sein. 

ii) Friedrich-Wilhelm Marquardt, Das christliche Bekenntnis zu Jesus, dem Juden. Eine Christologie, Band 2, München 1991, S. 285. Vgl. Eva Hadem, GPM 77 (2023), S. 225.  

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