Dekan Dr. Matthias Büttner

„Mehr Hoffnung wagen“ | Predigt 24. Dezember 2025 in St. Johannis Ansbach

„Mehr Hoffnung wagen“ 
Predigt zu Hes 37,25-28*
Heilig Abend, 24. Dezember 2025 
St. Johannis, Ansbach 



Hören wir in dieser Heiligen Nacht auf Worte aus dem Buch des Propheten Hesekiel im 37. Kapitel: So spricht der Herr: 25 Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. 26 Und ich will mit ihnen ei-nen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. 27 Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, 28 damit auch die Völker erfahren, dass ich der HERR bin. 

Liebe Gemeinde an Heilig Abend!

 Der Heilig Abend schwelgt in Visionen. In Psalm 96 vorhin haben wir gemeinsam gesprochen von Gottes Heil für alle Welt; nichts benötigt unsere Welt an diesem Weihnachtsfest dringender. Aus Bethlehem Efrata, so haben wir beim Propheten Micha gehört, soll der kommen, der in Israel Herr sei und der der Friede sein wird; „Friede“ – welch ein Sehnsuchtswort in unserer Zeit. Und eben haben wir vernommen, dass Gott Wohnung nehmen wird inmitten seines Volkes und Kinder und Kindeskinder darum sicher wohnen werden. 

Der Heilig Abend schwelgt in Visionen. Aber wie war das nochmal? Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Diesen Satz schleuderte einst ein genervter Bundeskanzler namens Helmut Schmidt einem Journalisten entgegen. Später hat sich Schmidt für diesen Spruch geschämt, aber da war er schon in der Welt. 

Aber auch er wusste: ohne Visionen von einer besseren, gerechteren Welt kann niemand leben. Und die können auch wahr werden. Leider vergessen wir solche wahrgewordenen Visionen zu schnell. I have a dream, sagte einst der amerikanische Pfarrer Martin Luther King. Seinen Zweitnamen Luther bekam er, weil sein Vater, ebenfalls Pfarrer, so beeindruckt war von dem Wittenberger Martin Luther und dessen – Visionen. I have a dream: dass Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe einmal gleichberechtigt miteinander leben. Auch wenn noch Luft nach oben ist. Vor allem junge Leute gehen mit den unterschiedlichen Hautfarben heutzutage recht unbefangen um. 

Visionen können wahr werden. Vor ein paar Wochen gab es Aufregung um die Herkunft des berühmten Sprechzettels von Günter Schabowski, Mitglied im Zentralkomitee der SED in der damaligen DDR. Es war der 9. November 1989. Seit einem Jahr demonstrierten die Menschen in der damaligen DDR an jedem Montag und fast überall im Land für ihre Freiheit: zunächst in den Kirchen und dann auf der Straße. Unmöglich hieß es damals, dass Gebete und Kerzen den Eisernen Vorhang zu Fall bringen könnten. Dann an jenem geschichtsträchtigen Tag DDR-Pressekonferenz in Berlin. Jener Günter Schabowski sagte am Ende: „Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“ Ein Raunen ging durch den Saal. Dann fragte ein Journalist, ab wann diese Regelung gelte. Und es kam die legendäre Antwort eben von jenem Sprechzettel: „Das trifft nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“ Die Kenntnis war zwar falsch. Aber sie war ausgesprochen. Die Menschen stürmten die Grenzübergänge, die überforderten Grenzer öffneten die Schlagbäume.i Der Rest ist Geschichte. 

Visionen können wahr werden. Der Heilig Abend schwelgt von Visionen, weil diese schon wichtig für uns sind, noch bevor sie wahr werden. Martin Luther Kings „I have a dream“ war Seelenbrot in einer Zeit, wo Menschen mit schwarzer Hautfarbe sich im Bus nicht setzen durften. Die Friedensgebete in der damaligen DDR waren Seelenbrot für alle, die sich mit der kommunistischen Diktatur nicht abfinden wollten. 

Visionen sind Seelenbrot und sie sind wichtig, um nicht den Glauben zu verlieren: den Glauben an das Gute und den Glauben an die Wahrheit. Visionen erhalten uns die Hoffnung. Darum geht es auch bei dieser Vision des alten Israels, wie wir sie beim Propheten Hesekiel gehört haben: Verliert nicht den Glauben; auch jetzt nicht. Gott kommt zu seinem Volk. Und damit kommt auch das Gute und die Wahrheit zu seinem Volk. 

Wie ein roter Faden zieht sich diese Hoffnungsvision durch das Alte Testament und die Geschichte des alten Israel. Gott kommt zu seinem Volk, zu seinen Menschen und damit kommen das Gute und die Wahrheit. Und dann geschieht es: eine Frau bekommt ihr erstes Kind, ungeplant und mitten im Gewimmel in einem durch eine Volkzählung aufgescheuchten Ort. Sie und ihr Mann hatten nicht einmal Raum in einer Herberge bekommen. Aber mitten in dem ganzen Chaos wird ein Kind geboren und dieses Kind lebt, und sein Leben wird zum Zeichen, dass Gott zu seinem Volk gekommen ist. Die große Vision wird wahr. Die Engel sagen zu den Hirten: Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Die Hirten, die ihre Bibel im Kopf hatten, verstehen: Bethlehem, ein Kind geboren, Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Und sie sagen zueinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 

Auch wir sind heute Abend beieinander, um die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist: dass Gott zu uns, seinen Menschen kommt und damit das Gute und die Wahrheit. Denn um diese beiden Dinge ist es in unseren Tagen nicht gut bestellt. Die Menschen und Mächte, denen das Gute und die Wahrheit ein Gräuel sind, scheinen zu triumphieren. Aber dagegen steht die Vision auch heute an diesem Heiligen Abend von Gott, der zu uns kommt. Diese Vision ist heute unser Seelenbrot wie damals bei den Hirten. Und dieses Seelenbrot macht, dass wir den Glauben nicht verlieren, dass das Gute und die Wahrheit die Oberhand behalten werden; dass Gott im Regimente sitzt, auch wenn wir es gerade nicht spüren. 

Der Heilig Abend schwelgt in Visionen. Und wir sollen uns davon anstecken lassen. Damit wir uns gegenseitig Hoffnung machen, so wie die Hirten damals. Und uns gegenseitig mit Seelenbrot versorgen. Das Gesetz der Medien, wonach nur eine schlechte Nachricht eine gute ist, müssen wir uns nicht zu eigen machen. Die gute Nachricht, ohne eine schlechte Nachricht sein zu müssen, ist die Weihnachtsgeschichte. Dem im Stall von Bethlehem geborenen Jesus-Kind musste sich der autokratische Kaiser Augustus geschlagen geben. Er ist heute nur eine Randnotiz in der Weihnachtsgeschichte, während alle Welt das Kind in der Krippe feiert. So wird es allen Autokraten ergehen. Das Gute und die Wahrheit werden die Oberhand behalten, weil Gott in die Welt gekommen ist. 

Der Heilige Abend schwelgt in Visionen. Angesichts der vielen Krise, die uns in Atem halten, las ich neulich von der Hoffnung auf einen Flügelschlag des Schicksalsii – dass sich also Manches ungeahnt zum Guten wendet. Diese Hoffnung ist berechtigt, denn Visionen können wahr werden. Dafür steht das Weihnachtsfest, das Christfest, das feiert, dass Gott zu uns gekommen ist. 


DEKAN DR. MATTHIAS BÜTTNER, ANSBACH

i https://www.mdr.de/geschichte/ddr/mauer-grenze/mauerfall-berliner-mauer-schabowski-100.html [aufge-rufen am 20.12.2025] 

ii Süddeutsche Zeitung vom 23.12.2025, Leitartikel, S. 4. 

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