„Eine Frage der Haltung“
Predigt zu Heb 13,8-9b
Altjahrsabend, 31. Dezember 2025
St. Johannis / St. Gumbertus, Ansbach
Liebe Gemeinde!
Unser Predigtwort für diesen Altjahrsabend stammt aus dem Hebräerbrief. Dieser Brief, der eigentlich mehr eine seelsorgerliche Predigt ist, gibt bis heute eine Reihe ungelöster Rätsel auf. So schrieb schon der frühchristliche Theologe Origines: Wer diesen Brief geschrieben hat, das weiß Gott allein. Auffallend ist allerdings das Glaubensverständnis dieses Predigt-Briefes. Unter Glaube wird hier weniger das Vertrauen auf Gott verstanden, sondern vielmehr eine Haltung, die sich zu Gottes Verheißungen ganz bewusst bekennt.i
Glaube als Haltung. Glaube als innere, geistige Einstellung. Genau darum geht es auch in unserem Predigtwort für heute aus dem 13. Kapitel: 8 Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. 9 Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade […].
Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Mit diesem einschlägigen Satz verbindet mich eine Erinnerung an meine Großmutter. Es war im Herbst des Jahres 1934. Meine Großmutter war damals 18 Jahre alt und absolvierte eine Ausbildung an der ostfriesischen Küste. Sie war zu dieser Zeit, so hatte sie mir erzählt, Mitglied im „Bund deutscher Mädels”, dem weiblichen Pendant zur Hitlerjugend. In diesem Herbst 1934 nahm sie an einer Erntedankfeier teil, wie sie die Nationalsozialisten gerne abhielten. Und dort hörte sie mit eigenen Ohren diesen ungeheuerlichen Satz: „Adolf Hitler gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit”ii. Meine Großmutter war schockiert von dieser Verdrehung der Tatsachen. Und sie trat umgehend aus dem „Bund deutscher Mädels” aus und in die Bekennende Kirche ein.
Glaube als Haltung. Und Haltung macht das Herz fest. So sagt es der Hebräerbrief. Ein festes Herz galt es wahrlich zu haben in diesem heute zu Ende gehenden Jahr 2025. Ein festes Herz wegen so mancher Ungeheuerlichkeiten und weil sich Jahrzehnte geltenden Gewissheiten einfach in Nichts aufgelöst haben. Wir sind es nicht mehr gewohnt, dass sich Dinge im großen Maßstab so fundamental ändern könnten. Das hat uns leichtsinnig und leichtgläubig werden lassen in vielerlei Hinsicht. Aber 2025 war so etwas wie die Zeit des Erwachens. „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.“ So sagt es ein Sprichwort. Das ist meine Hoffnung für das kommenden Jahr 2026.
Glaube als Haltung. Und Haltung macht das Herz fest, sagt der Hebräerbrief. Fest, aber nicht hart. Die Hartherzigkeit hat sich schon zu sehr breit gemacht unter uns. Was manche Menschen so raushauen auf social media, man mag es nicht glauben. Ist es die vermeintliche Anonymität, die die Leute so reden bzw. schreiben lässt? Was früher am Stammtisch zu später Stunde und unter dem strengen Blick der Wirtin im kleinen Kreis losgelassen wurde, geht heute viral. Aber niemand muss hier mitmachen. Ich kann mich verabschieden von Instagram und Co. Auch das ist eine Haltung. Und vielleicht ein Vorsatz für 2026.
Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, mahnt der Hebräerbrief. Was kann damit gemeint sein? Im Griechischen, und das Griechisch des Hebräerbriefes ist sehr gut, stehen genau diese Begriffe. Also andere Formen der Übersetzung helfen uns nicht weiter. Ich versuche es einmal so: Jeff Landry ist der neue US-Sonderbeauftragte für Grönland. Er ist bekennender Christ und gegen jedes Recht auf Abtreibung. Als Gouverneur ließ er in allen Klassenzimmern von Louisiana die Zehn Gebote aushängen. Den Klimawandel hält er für Humbug. Und er bezweifelt die Wirkung von Impfstoffen.iii Wie passt das zusammen: Gegen Abtreibung zu sein, aber für eine Annexion Grönlands mit Gewalt? Wie passt das zusammen: Wissenschaftliche Standarderkenntnisse bezweifeln, aber der Militärtechnik vertrauen? Was sind das für mancherlei und fremde Lehren, die da jemanden umtreiben? Einmal gelten die Gebote Gottes und dann wieder nicht. Du sollst nicht töten, aber du sollst auch nicht begehren deines Nächsten Haus. Jede Abtreibung ist eine zu viel. Aber einfach dagegen zu sein: so einfach darf man es sich bei diesem schwierigen Thema nicht machen.
Und wie kann man als aufgeklärter Mensch Klimawandel und die Wirkung von Impfstoffen einfach so leugnen? Der US-amerikanische Rocksänger Bruce Springsteen, mittlerweile 76 Jahre alt, zeigt Haltung und sagt es immer wieder von der Bühne: „Mein Heimatland ist derzeit in den Händen einer korrupten, inkompetenten und verbrecherischen Regierung. “iv Und ich muss ergänzen: diese Regierung unterstützt ebensolche destruktiven politischen Kräfte bei uns.
Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, mahnt der Hebräerbrief. Der Journalist Detlef Esslinger hat in der Heilig-Abend-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung geschrieben: „Dass längst viele Menschen ihre Hoffnungen mehr auf irdische denn auf überirdische Kräfte richten, ist nicht unbedingt ein Fortschritt.“ Ich finde das einen außerordentlich bemerkenswerten Satz. Und weiter schreibt er: Demokratie braucht Religion. Denn: „Populisten werden niemals Sinn für Fürsorge und Rücksichtnahme, für Ausgleich und Toleranz entwickeln; das war nie ihr Wesen. […] Ein Deutschland ohne Christen wäre auch für Nichtchristen das Gegenteil einer Verheißung […].“v
Ja, Populisten werden niemals Sinn für Fürsorge und Rücksichtnahme, für Ausgleich und Toleranz entwickeln. Das war schon immer so. Sie wollen eine Gesellschaft, in der das Recht des Stärkeren das einzige Recht ist. Die Bekennenden Kirche, in die 1934 meine Großmutter eingetreten war, wandte sich aus diesem Grund gegen jede Form eines totalen Staates. Gegenwind kam damals ausgerechnet von Theologen und Pfarrern durch den sogenannten Ansbacher Ratschlag von 1934.
Darin hieß es: Wir danken „als glaubende Christen Gott dem Herrn, dass er unserm Volk in seiner Not den Führer als ‚frommen und getreuen Oberherrn‘ geschenkt hat und in der nationalsozialistischen Staatsordnung […] ein Regiment mit ‚Zucht und Ehre‘ bereiten will.“vi Man wundert sich noch heute „über die politische Naivität der Autoren des ‚Ansbacher Ratschlags‘, die noch im Sommer 1934 Hitler mit einem frommen Kurfürsten der Reformationszeit und den nationalsozialistischen Totalstaat mit der ‚Zucht und Ehre‘ einer patriarchalischen Obrigkeit von ehedem verwechseln konnte.“vii
Unterschrieben hatte diesen Ansbacher Ratschlag auch der berühmte Theologieprofessor Paul Althaus. Kaum bekannt ist aber, dass er seine Unterschrift wenige Wochen später zurückgezogen und sich dann von diesem Ratschlag komplett distanziert hat.viii Menschen können also, mit den Worten des Hebräerbriefes, auch wieder ablassen vom Umtrieb mit mancherlei und fremden Lehren und so ein festes Herz bekommen. Das macht Mut für das kommenden Jahr.
Apropos Mut: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Das heißt doch, Christus ist der, der alles zusammenhält: das Gestern, das Heute und das Morgen. Unser Herr Jesus Christus spaltet nicht, sondern verbindet – auch was auf den ersten Blick nicht zusammenpassen will. Christus ist der, der miteinander verbindet. Und er ist es auch, der die Dinge neu macht. So schallt es schon herüber von der Jahreslosung für 2026: Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.
(Off 21,5) Bis dahin gilt der schöne Liedvers von Peter Strauch auch für diesen Altjahrsabend 2025: „Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.“ (KAA 023)
DEKAN DR. MATTHIAS BÜTTNER, ANSBACH
i Calwer Bibellexikon, Band 1, Stuttgart 22006, S. 519f.
ii DOMINIKA BOROWICZ, Das „Prophetentum Hitlers“ im Kriegstagebuch von August Töpperwien (1939-1945): Studia Germanica Posnaniensia XXX (2006), S. 169 nach: HANS-ULRICH WEHLER, Die charismatische Herrschaft und deutsche Gesellschaft im „Dritten Reich“ 1933-1945 in: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. IV, München 2003, S. 67.
iii Süddeutsche Zeitung vom 24.12.2025, S. 1.
iv Süddeutsche Zeitung vom 31.12.2025, S. 4.
v Süddeutsche Zeitung vom 24.12.2025, S. 4.
vi Andreas Lindt, Das Zeitalter des Totalitarismus, Stuttgart 1981, S. 176f.
vii Ebd., S. 177.
viii Kirchliches Wochenblatt „Unter dem Wort“ Nr. 45 vom 11. 11. 1934, abgedruckt bei Wilhelm Niemöller (Hrsg.), Die zweite Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Dahlem, Göttingen 1958, S. 50