„Das Leben darf schön sein“
Predigt zu Joh 2,1-11
2. Sonntag nach Epiphanias, 18. Januar 2026
St. Johannis, Ansbach
Das Leben darf schön sein. Das ist es zwar nicht immer. Und wir können uns das auch nicht aussuchen. Aber wenn das Leben uns mit seiner schönen Seite anlächelt, dann müssen wir uns nicht dafür schämen, sondern dürfen uns freuen und Gott dankbar dafür sein. Darum geht es heute in dem ersten Wunder, das Jesus nach dem Johannesevangelium tut.
Vom Kirchenjahr her befinden wir uns in der Epiphaniaszeit: der Zeit, die dem Aufscheinen der Herrlichkeit Gottes in unserer Welt durch die Geburt Jesu gewidmet ist. Es geht also um die Konsequenzen dessen, was an Weihnachten geschehen ist. Der Epiphaniastag, der als Tag der Heiligen Drei Könige populär wurde, widmete sich ursprünglich diesem Aufscheinen der Herrlichkeit Gottes in der Welt. Neben der Geschichte vom Besuch der Weisen aus dem Morgenland bei dem neugeborenen Jesus und anderen Wundererzählungen stand immer auch das Weinwunder von Kana im Mittelpunkt. Und um das geht es heute.
1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. 3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. 6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. 7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm. 9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten – , ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. 11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.
Die Hochzeitsfeier ist schon in vollem Gange als Jesus mit den Seinen dazukommt. Solche Feierlichkeiten damals sind mit unseren heutigen nicht zu vergleichen. Man konnte wegen einer Hochzeit nicht bequem und schnell anreisen und am nächsten Tag, vielleicht sogar noch am selben Tag wieder nach Hause fahren. Daher dauerten Hochzeitsfeierlichkeiten wie die in Kana mehrere Tage; damit sich Reisen und Feiern auch lohnten. Jesus stößt mit seinen Jüngern offenbar am dritten Tag der Feier dazu. Und da geht der Wein aus. Eine Katastrophe für Braut und Bräutigam als Gastgeber und ebenso für die Gäste. Denn man konnte damals nicht einfach in den nächsten Supermarkt fahren und Nachschub holen. Und hier hilft nun Jesus. Er befiehlt Krüge, die zu Reinigungszwecken leer dastanden, mit Wasser zu füllen. Dann lässt er jemanden von den Dienern daraus schöpfen und dem Speisemeister bringen. Der konstatiert einen ausgezeichneten Wein. Und davon stehen nun sage und schreibe 600 Liter zur Verfügung. Die Hochzeitsfeier kann weitergehen.
Im Grunde ist dieses Wunder, das da Jesus tut, das – verzeihen Sie mir den Ausdruck – unnötigste von allen Wundern oder Zeichen, die Jesus getan hat. Hier auf der Hochzeit in Kana heilt Jesus keinen Menschen von einer Krankheit. Er schenkt auch keinem von Geburt an blinden Menschen
das Augenlicht. Er verleiht keinem seit Jahrzehntem Gelähmten die Kraft zu gehen. Und er jagt auch nicht Händler und Geldwechsler aus dem Tempel, die mit ihren Geschäften das Eigentliche des Tempels überdeckt haben. Jesus macht hunderte Liter Wasser zu Wein, damit eine Hochzeitsgesellschaft fröhlich feiern kann. Ist das nun unnötig? Oder ist es gerade deshalb so nötig, weil es unnötig ist?
Es geht hier um die Frage, was uns als Menschen ausmacht. Essen und trinken müssen auch die Tiere, um am Leben zu bleiben. Der Mensch isst und trinkt aber nicht nur, um am Leben zu bleiben, sondern auch zur Freude. Der Mensch tut überhaupt Dinge, der er zum Überleben nicht braucht, aber zum Leben umso dringender: die Musik, die Kunst, alles was Freude macht. Dass diese Freude zu unserem Leben dazugehört, dass Essen und Trinken zu einem schönen Leben dazugehört, das ist die Botschaft des Weinwunders zu Kana.
Eine besondere Rolle in dieser Wundergeschichte nimmt Maria, die Mutter Jesu, ein. Sie ist es, die zuerst merkt, dass der Hochzeitsgesellschaft der Wein ausgegangen ist. Wir erleben hier eine ganz andere Maria. Nicht die demütige und in sich gekehrte, sondern die auf einer Hochzeit feiert und als erste merkt, dass der Wein alle ist. Sogleich wendet sie sich an ihren Sohn und weist ihn darauf hin: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Das ist unmissverständlich. Jesus wiederum scheint ebenfalls unmissverständlich seine Mutter verstanden zu haben und herrscht sie an: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Darauf wendet sich Maria an die Diener und befiehlt ihnen zu tun, was Jesus sagt. Maria sorgt sich um den Weinnachschub und befehligt Diener: was für einer völlig anderen Seite Mariens begegnen wir hier?
Nirgends sonst in den Evangelien fordert Maria Jesus auf, ein Wunder zu tun. Außer hier auf der Hochzeit zu Kana. Und hier geht es um Wein, der ausgegangen ist. Was will der Evangelist Johannes uns damit sagen?
Johannes ist der einzige unter den Evangelisten, der uns vom Weinwunder zu Kana berichtet. Und er ist auch der einzige, der sein Evangelium nicht mit einer Geburtsgeschichte oder einer Taufgeschichte, sondern mit hoher Theologie beginnen lässt: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Der Evangelist Johannes beginnt mit dem ganz Grundsätzlichen: am Anfang war Gottes Wort.
Zu diesem ganz Grundsätzlichen gehört neben dem Wort Gottes offenbar auch die ganz einfache, basale Freude am Leben. Deshalb folgt auf „Im Anfang war das Wort“ das Weinwunder zu Kana. Wein und Wort. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Sondern ebenso von Gottes Wort. Und, ja, auch vom Wein, als Beispiel für alles, was es nicht unbedingt braucht, was aber das Herz mit Freude erfüllt.
Gott will, dass unser Leben schön ist. Vielleicht nicht immer. Aber eben immer wieder. Das ist die Botschaft des Weinwunders zu Kana, des seltsamsten Wunders, das Jesus getan hat.
Und wir? Wir antworten, dass wir Gott danken und ihn loben mit den Worten von Ps 104: Lobe den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, du bist sehr groß; in Hoheit und Pracht bist du gekleidet. 2 Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt; 3 du baust deine Gemächer über den Wassern. […] 13 Du tränkst die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest. 14 Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, 15 dass der Wein erfreue des Menschen Herz.
DEKAN DR. MATTHIAS BÜTTNER, ANSBACH