02 Jan Predigt zum Altjahrsabend von Dekan Dr. Matthias Büttner

Predigt zu Mt 13, 24-30
Altjahrsabend, 31. Dezember 2021
St. Johannis und St. Gumbertus, Ansbach

Liebe Gemeinde!

Manche sagen, es gäbe in Deutschland noch eine zweite Epidemie: die Alles-gut-Epidemie.1) Ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie oft heutzutage bei allen möglichen Gelegenheiten „alles gut” gesagt wird – einen selber eingeschlossen. „Alles gut”, wenn wir gefragt werden, wie es geht. „Alles gut”, wenn sich jemand beim Bäcker vorgedrängelt hat, es merkt und mich fragend an- schaut. Alles gut, alles gut!

Das Gleichnis Jesu, das heute an diesem Altjahrsabend zu uns sprechen will, sagt uns: Nicht alles gut, aber es wird alles gut.

Hören wir beim Evangelisten Matthäus im 13. Kapitel: 24 […] Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. 26 Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. 27 Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? 29 Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

Da kennt sich jemand aus mit der Landwirtschaft. Bei dem Unkraut in dem Gleichnis Jesu handelt es sich nämlich nicht um irgendein harmloses Gras, sondern um den im damaligen Mittelmeerraum verbreiteten Taumel-Lolch. Das ist eine Pflanze, die dem Weizen zum Verwechseln ähnlich sieht. Erst wenn beide Pflanzen, der echte Weizen und der falsche, die Frucht ausbilden, sind sie voneinander zu unterscheiden. Dann ist es für das Ausreißen aber zu spät, denn das Wurzelwerk des Unkrauts ist längst mit dem des Weizens verwachsen. Konsequent verbietet deshalb der Bauer seinen Knechten das Ausreißen des Unkrauts. Sie würden zusammen mit ihm auch den Weizen ausreißen.

Um das Aussortieren des Unkrauts aus dem geernteten Weizen kommt man allerdings nicht herum. Der Taumel-Lolch ist nämlich giftig. Würde das spätere Weizenmehl damit vermischt, wären Vergiftungserscheinungen wie Schwindel die Folge. 2) Daher auch der Name Taumel-Lolch oder Schwindelweizen. 3) Das Unkraut muss also nach der Ernte aussortiert werden, aber erst dann! Geduld ist angesagt und die Bereitschaft, mit dem Schwindelweizen erst einmal zu leben.

Was uns in landwirtschaftlicher Hinsicht sofort einleuchtet, fällt uns woanders schwerer. Wie steht es im übertragenen Sinn nun um den Schwindelweizen in unserer Welt, also um böse Mächte oder Menschen? Würden wir das Böse, wenn wir könnten, nicht am liebsten ausreißen und zwar mit Stumpf und Stiel? Das Gleichnis Jesu will uns ins Nachdenken bringen, ob das nicht ähnlich unklug wäre wie auf dem Weizenfeld? Denn die Trennlinie zwischen Gut und Böse ist nicht immer genau auszumachen – ähnlich wie auf dem Weizenacker. Und manchmal sind die Wurzeln von Gut und Böse enger miteinander verwoben, als uns bewusst ist.

Ich finde, der Bauer in dem Gleichnis zeigt sich als ein sehr kluger Mensch. Er sieht das Böse. Aber er lässt sich nicht davon komplett in Beschlag nehmen. Der Bauer wendet sich nämlich ganz bewusst seinem echten Weizen zu, sorgt sich darum, dass er gut wächst. Er wendet sich ganz bewusst dem Guten zu. Ob das auch eine Option für uns heute zum Beschluss dieses Jahres wäre: dem Guten Raum zu geben? Und nicht vor lauter Schwindelweizen den guten Weizen aus dem Blick verlieren? Ich glaube, dass ist gerade in dieser verrückten Zeit ganz wichtig: Das Gute nicht vergessen und das nicht aus dem Blick verlieren, was uns Gott schenkt. Wie es im Gesangbuch einmal heißt: ER ist dein Licht, Seele vergiss es ja nicht. 4)

Dieses Jahr Nummer 2 der Pandemie war auch ein Jahr der Bewahrung durch Gott. Damit will ich keine einzige Erfahrung von gesundheitlichem oder wirtschaftlichem Leid kleinreden. Ich will aber über allem Unkraut den Weizen nicht zu übersehen helfen, das Gute über allem Bösen. Wir brauchen uns nicht am Bösen abzuarbeiten, sondern dürfen das Gute sehen und uns ihm zuwenden.

Jeden Tag sehen wir Medienberichterstattungen über Quer-Denker-Demos. Wie wäre es, wenn wir jeden Tag Berichte bekämen von irgendeiner Intensivstation unseres Landes und darüber, was dort Unvorstellbares geleistet wird von hochengagierten Menschen mit modernsten Mitteln. Ich wünschte mir tägliche Berichte über Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt, die Testmethoden austüfteln, die Virusvarianten isolieren und so etwas wie Wunder vollbringen mit der Erfindung der mRNA-Impfstoffe. Bei all dem Lärm der Impfgegner geht unter, welcher Segen die Entdeckung des Impfens, um nur ein Beispiel für das Gute in dieser Welt zu nennen, für die Menschheit war und ist. Vielleicht wird es in nicht allzu ferner Zukunft sogar eine Impfung gegen Krebs geben. 5)

Noch einmal: Ich will das Leid auf dieser Welt und all das Böse, was Menschen anrichten können, nicht kleinreden. Ich will heute aber groß herausstellen, dass Menschen noch viel mehr unsere Welt zu einem besseren Ort machen. Hier in unserer Stadt, in unserem ganze Land und auf der ganzen Welt. Wir können guten Mutes heute Nacht in das neue Jahr gehen.

Wie sagte noch der Bauer am Schluss unseres Gleichnisses: Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

Das heißt: „Einmal wird alles Böse, alles Lebensabträgliche weggepackt. Es wird Vergangenheit sein und es wird vergehen wie flüchtiger Schall und Rauch […]. Das Gute aber wird sich als nachhaltig erweisen. Es steht durch die Zeiten hindurch unter der Fürsorge dessen, der es ausgesät hat. Und am Ende der Zeit wird es zu unvergänglichem Leben erscheinen. Bis dahin danken wir an jedem Tag und erst recht am letzten Tag eines Jahres für alle Zeichen und Erfahrungen von Bewahrung.” 6)

Alles gut? Nein. Aber auch nicht alles schlecht. Und vor allem: Es wird alles gut, und wir können ein Stück davon schon morgen schon erleben.

Ihr Dekan Dr. Matthias Büttner

Anmerkungen:

  1. )  www.brigitte.de [abgerufen am 28.12.2021]
  2. ) Peter Bukowski, GPM 76 (2021), S. 76f.
  3. ) https://de.wikipedia.org/wiki/Taumel-Lolch [abgerufen am 30.12.2021]
  4. ) EG 317,5.
  5. ) https://de.wikipedia.org/wiki/RNA-Impfstoff [abgerufen am 28.12.2021]
  6. ) Peter Bukowski, GPM 76 (2021), S. 79.