29 Jan Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias von Dekan Dr. Matthias Büttner

Predigt zu Mt 8,5-13
3. So. n. Epiphanias, 23. Januar 2022
St. Gumbertus-Kirche, Ansbach Christuskirche, Ansbach-Meinhardswinden

Liebe Gemeinde,

wir haben es gehört in den wunderbaren Sternengesang: „Die Liebe ist geboren, die Hoffnung hat getragen, die Freude hilft uns leben. Gott gibt uns nicht verloren.” 1) Wir können uns vertrauensvoll an Gott wenden.

Hören wir eine Vertrauensgeschichte aus dem Matthäusevangelium im 8. Kapitel: 5 Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn 6 und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. 7 Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. 8 Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. 9 Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s. 10 Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! 11 Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; 12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. 13 Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du ge- glaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Liebe Gemeinde!

„Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.” Diese Redewendung wird dem Gründer der ehemaligen Sowjetunion Lenin zugeschrieben. Der Satz als solcher ist zwar nicht direkt belegt. Belegt ist, dass Lenin häufig das russische Sprichwort verwendet hat: „Vertraue, aber prüfe nach.”2) Aber das ist ja im Grunde dasselbe. Die Redewendung passt gut zu Lenin. Ist doch die von ihm gegründete ehemalige Sowjetunion aus Bürgerkrieg und Terror hervorgegangen, wo niemand niemanden vertrauen konnte.3) Kontrolle war daher besser als Vertrauen.

Ganz anders verhält es sich bei dem Hauptmann aus Kapernaum, um den es heute geht. Bei ihm handelte es sich um einen römischen Offizier. Um einen Zenturio, also den Befehlshaber einer Hundertschaft von Soldaten. Es war so, dass sich ein römischer Offizier niemals an einen Juden gewandt hätte. Die beiden trennten Welten: der Offizier und Jesus. Und doch scheint das Vertrauen des Zenturio zu Jesus größer gewesen zu sein.

Die Geschichte vom Hauptmann aus Kapernaum ist eine großartige Geschichte vom Vertrauen. Sie wird im Neuen Testament gleich dreimal erzählt. Jeweils mit unterschiedlichen Details. Aber stets mit dem gleichen roten Faden: ein römischer Staatsdiener wendet sich voller Vertrauen an Jesus. Ausgerechnet er, der Soldat, zieht der Kontrolle das Vertrauen vor. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.

Einem Menschen zu vertrauen, ist immer ein Wagnis. Ich gebe mich ja irgendwie ungeprüft in dessen Hände. Das wusste schon der alte Lenin und auch der Hauptmann aus Kapernaum. Aber der Hauptmann hat sich für das Vertrauen entschieden. Alle Zweifel scheint er beiseite geschoben zu haben. Der Hauptmann vertraut Jesus. Er spricht Jesus sogar ehrfurchtsvoll mit „Herr” an, was auch nicht unproblematisch ist. Denn diesen Titel beanspruchte auch der Kaiser für sich.

Vertrauen kann entstehen und wachsen. Am vergangenen Mittwoch ist der Schauspieler Hardy Krüger gestorben. Er war ein ganz großer Star in den 1950er und 60er Jahren. In der Nachkriegszeit war er einer der ganz wenigen deutschen Schauspieler, dem auch der internationale Durchbruch gelang.

In dem amerikanischen Abenteuerfilm „Der Flug des Phoenix” von 1965, also gerade 20 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges, spielt Krüger den deutschen Flugzeugkonstrukteur Heinrich Dorfmann. Dieser befindet sich an Bord eines amerikanischen Transportflugzeugs, das in der Sahara fern ab aller Routen notlanden muss. Als die Hoffnung auf Rettung zusehends schwin- det, schlägt Dorfmann alias Hardy Krüger vor, aus den unbeschädigt gebliebenen Teilen der Maschine ein neues Flugzeug zu bauen. Kapitän Frank Towns, gespielt von James Stuart, misstraut Dorfmann von Anfang an, sieht er in ihm doch nur einen Nazi-Deutschen. Der wiederum wehrt sich, aufgrund seiner Jugend mit den Nazis nichts zu tun gehabt zu haben. Als Zuschauer wird man in dem fast zweieinhalb Stunden dauernden Film dann Zeuge, wie bei Captain Towns das Vertrauen zu Dorfmann Stück für Stück wächst. Und am Ende bringt der Flug des Phoenix dann alle Überlebenden Männer zurück nach Hause. Das Vertrauen zu- einander hat sie letztlich überleben lassen.4)

Vertrauen ist eine Lebensgrundlage. „Der Flug des Phoenix” ist daher nicht nur Abenteuerfilm, sondern auch so etwas wie eine Studie darüber, dass Vertrauen tatsächlicher besser als Kontrolle ist. Allein schon aus dem Grund, weil komplette Kontrolle schlicht unmöglich ist. Denn das hat ja die Geschichte der Lenin-Sowjetunion gezeigt: am Ende ist sie an ihrem eigenen Kontrollwahn zugrunde gegangen. Und die ehemalige DDR ist an ihrem gigantischen Spitzel- und Überwachungssystem regelrecht erstickt.

Vertrauen ist eine Lebensgrundlage. Und zwar nicht nur in Beziehung und Familie, wo uns das noch am ehesten einleuchten mag. Gegenseitiges Vertrauen ist auch der Kitt, der eine ganze Gesellschaft zusammenhält. Was mich an den Protesten von Impfgegner so ratlos macht, ist dieses für mich völlig unerklärliche Misstrauen gegenüber sämtlichen Politikern und Wissen- schaftlerinnen. Ich kann mir die Welt doch nicht allein erklären. Dafür benötige ich die Experti- se anderer Menschen und kann gar nicht anders, als dem zu vertrauen.

Kehren wir zurück zum Hauptmann aus Kapernaum. Hier begegnen wir der Königsdisziplin des Vertrauens: dem Gottvertrauen. Ich frage mich: was hat der Hauptmann, der ja aus einem heidnischen Umfeld kam, in Jesus gesehen? Einen Mann Gottes? Einen Wunderheiler? Wir blicken ja auf Jesus ganz anders, als seine Zeitgenossen damals. Wir kennen die Evangelien. Wir glauben an Jesu Auferstehung. Der Hauptmann aber kannte Jesus nur vom Hörensagen. Umso beachtlicher ist das große Vertrauen, das er Jesus entgegenbringt.

Der Hauptmann öffnet nun sein Innerstes vor Jesus und sagt: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Im Griechischen steht da „mein Kind”. Mein Kind liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.

Als Jesus sich aufmachen und zu ihm gehen will, wehrt der Hauptmann ab. Ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Kind gesund. Was für ein grenzenloses Gottvertrauen!

Jesus sagt daher: solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden. Was Jesus damit meint: Ich denke schon, dass wir hier alle mit einer gehörigen Portion Gottvertrauen durch’s Leben gehen. Aber wie oft sind da Zweifel und Sorge. Und unnötige Ängste. Der Hauptmann aus Kapernaum hilft uns, mehr Gottvertrauen zu wagen.

Gottvertrauen schafft auch Weltvertrauen. In Jesus kam Gott in unsere Welt. Und er kam, um zu bleiben. Unsere Welt ist daher, mag es auf ihr auch noch so schlimm zugehen, immer auch Gottes Welt. Gott lässt sich daher nicht selten dort findden, wo wir ihn gar nicht vermuten.

Der Hauptmann aus Kapernaum war weder gläubiger Jude noch gläubiger Christ. Ihn wollen wir uns heute aber zum Vorbild nehmen und mehr Vertrauen wagen.

Ihr Dekan Dr. Matthias Büttner

Anmerkungen:

1)  Aus dem „Sternengesang” von Christoph Nötzel, weihnachtliche Kantate für Chor, Sprecher und verschiedene Instrumente, aufgeführt im Abendgottesdienst in St. Gumbertus am 22.01.2022.

2)  https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrauen_ist_gut,_Kontrolle_ist_besser! [abgerufen am 17.01.2022]

3)  „Nachdem Anfang 1917 in Russland die Monarchie in einer bürgerlichen Revolution gestürzt worden war […], eroberten die Bolschewiki unter Lenins Führung in der Oktoberrevolution die Macht. Sie lösten die verfassungs- gebende Versammlung gewaltsam auf und schränkten die Meinungsfreiheit teilweise ein.”

https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Iljitsch_Lenin [abgerufen am 17.01.2022]

4)  https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Flug_des_Phoenix_(1965) [abgerufen am 21.01.2022]