27 Aug Leise Liebe in der lauten Welt

Eine Frau sitzt in New York im Taxi und schaut aus dem Fenster. Das Taxi hält an einer roten Ampel. Da sieht die Frau etwas, was sie mit ihrem Handy als Video aufnimmt und ins Internet stellt. Millionen können es nun sehen. Was sieht sie?

Sie sieht einen Obdachlosen, der an einer Straßenlaterne sitzt. Es nähert sich ihm ein Mann in kurzen Hosen, der joggt. Der Mann bleibt vor dem Obdachlosen stehen und zieht seine Laufschuhe und seine Strümpfe aus. Dann schenkt er seine Schuhe und Socken dem Obdachlosen. Ob die beiden miteinander sprechen, ist auf dem Video nicht zu erkennen. Zu erkennen ist aber, dass der joggende Mann dann barfuß davonläuft und der Obdachlose beginnt, sich die Schuhe anzuziehen.

Eine leise Liebe mitten in der lauten Stadt.

Das gibt es. Es gibt es wohl mehr, als wir mitbekommen. Wir lesen und hören die Schlagzeilen von der Verrohung der Welt und der Missachtung des Menschen durch andere Menschen. Da überbieten sich Politiker mit moralischer Abwertung anderer, kritische Meinungen werden nicht mehr akzeptiert, sachlich diskutieren fällt immer schwerer.

Da wird mit Angst und Panikmache Politik gemacht, mancher traut sich nicht mehr seine Meinung zu sagen, weil er damit rechnen muss, dass er bloßgestellt wird. Man ist schon wieder so weit, dass man selbst seine Gedanken kontrolliert und sich einer vorgegebenen Meinung anpasst.

So etwas bestimmt die Schlagzeilen. Schlagzeilen müssen laut sein; Liebe kann leise sein.

Wir sollten uns vom Lauten nicht täuschen lassen und meinen, es gebe keine Liebe. Das ist falsch. Das Laute übertönt nur das Leise, macht es oft unhörbar. Darum ist es wichtig, dass wir über Zeitungen und Internet auch hören, wie selbstverständlich Liebe manchmal sein kann: ein Mensch verschenkt seine Schuhe; ein Mensch verschenkt von seinem Geld, von seiner Zeit; ein Mensch verschenkt seine ganze Freundlichkeit gegenüber Fremden.

Wie wir zu Menschen stehen, so stehen wir zu Gott, könnte man sagen. Wer nicht nur sich selbst, sondern auch andere als Ebenbild Gottes sieht, möchte ihnen einen Dienst erweisen; eine kleine Liebe im Meer des Lauten. Und verlangt nicht, sondern bittet; beschwert sich nicht, sondern macht freundlich auf etwas aufmerksam; bezichtigt andere nicht, wo man selbst Schuld haben könnte; verschenkt, ohne zu rechnen.

Damit kommt man weder ins Fernsehen noch in die Schlagzeilen – man kommt aber ins Buch Gottes. Das ist der Ort, an dem leise Liebe in der lauten Welt gesammelt wird. Und das wir dann, wenn Gott es will, dankbar werden einsehen können.

(Foto http://myheartbeatsforbeauty.blogspot.com/2012/08/arm-und-reich-meine-erfahrung.html Text F.Müller nach stern.de 22. 8. 2019 bei @buhv.de)
Der Text ist die persönliche Meinung des Verfassers.