06 Jun Kunst ist Liebe als Verstörung

In vier Tagen beginnt in Kassel die Kunstaustellung documenta 14, eine Schau der modernen Kunst. Ein „Wahrzeichen“ der diesjährigen documenta liegt als Bild bei. Wozu brauchen wir – oft teure – Kunst?

Am kommenden Samstag beginnt in Kassel die „documenta“, die Ausstellung moderner Kunst (bis 17. September). Auch im öffentlichen Raum sind Kunstwerke zu sehen. Auf dem Bild sehen wir – im Originalmaß – den Nachbau des Tempels „Parthenon“ der Akropolis in Athen. Dort war der Tempel einst der Stadtgöttin Athena geweiht, Göttin der Weisheit und der Kunst.

Am Eingang der documenta steht dieser Nachbau des Tempels aus Gerüsten, das Werk einer argentinischen Künstlerin (Marta Minujin). In den Gerüsten sind über 60.000 eingeschweißte Bücher befestigt – Bücher, die in verschiedenen Ländern und Zeiten verboten waren oder sind. Wir sehen also eine Art „Haus der verbotenen Bücher“.

Was daran ist die Kunst?

Kunst ist Liebe als Verstörung. Wer Kunst herstellt – in welcher Art auch immer – liebt die Welt. Wie auch Glaubende die Welt lieben. Kunst und Glaube arbeiten, auf jeweils ihre Weise, am Glanz der Welt, an ihrer Verbesserung und Verschönerung. Dazu kann es nötig sein zu verstören, zu verfremden – um dann neu zu denken und zu bauen.

Wenn eine Künstlerin tempelartig an die Bedeutung der Bücher erinnert, dann erweist sie der Welt und uns einen Dienst. In Kassel tut sie es auf dem Platz, auf dem Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 Bücher als „entartet“ verbrennen ließen – also ihnen Unliebsames aus der Welt schaffen wollten. Kunst sagt: Achtet auch, was euch nicht passt; pflegt auch, was euch verstört. Kunst und Glaube sind mehr als das, was gefällig ist. Auch Unliebsames gehört zum Leben.

Kunst ist Liebe als Verstörung.

Kunst tut manchmal weh. Glaube auch. Glaube an Gott ist mehr als das, was gefällig ist und uns gefällt. Glaube verstört auch, kann mürbe machen. Wir erinnern uns, dass Glaubende in den Psalmen des Alten Testaments innig beten (Psalm 23,1): „Der Herr ist mein Hirte“. In solche Worte kann man sich hineinlegen – wie man sich ja auch versenken kann in ein Ölgemälde vom deutschen Wald. In den Psalmen gibt es aber auch andere Sätze (Psalm 88,15): „Warum verstößt du, HERR, meine Seele; und verbirgst dein Antlitz vor mir?“ Da ist Glaube nicht mehr schön, sondern ein verstörender Schrei wie manches Kunstwerk, das wir nicht auf den ersten Blick verstehen. Die Welt ist nicht nur glatt und sanft. Sie ist auch rau und schmerzhaft. Wie Glaube und Kunst. Jedes schnelle Verstehen wollen wird uns dann in die Irre führen.

Wie beim Glauben müssen wir uns der Kunst oft einfach aussetzen. Wegdrehen ist möglich, hilft aber zu nichts. Kunst macht uns offener, weiter für die Welt. Kunst erweitert, wie der Glaube, unsere Liebe zur Welt. Das kann verstören. Es bleibt aber Liebe zur Welt.

Kunst und Glaube wollen, über alles Verstörende hinaus, der Welt einen Dienst erweisen, ihr Glanz verleihen; und sie so besser machen, als sie ist.

Das documenta-Kunstwerks «The Parthenon of Books» steht auf dem Friedrichplatz in Kassel. Der Nachbau des Parthenon-Tempels der argentinischen Künstlerin Marta Minujin, geboren 1943, gehört zu den größten Projekten der Documenta 2017.

(foto picture alliance, AP Photo; Fotograf: Jens Meyer text fm nach buhv.de)