16 Mai Geschlossene Kirche – und nun?

Gespräche vor einer verschlossenen Kirchentür.

„Schade!“ Vergeblich steht die Wandergruppe vor der verschlossenen Kirchentür. Sie hatten sich so nach einem ruhigen und schattigen Plätzchen in der Kirche gesehnt. Gerne hätten sie in der Kirche ein gemeinsames Lied gesungen, einem Bibeltext gelauscht oder einfach ihren Gedanken freien Lauf gelassen. Klopfen sinnlos. Weit und breit ist niemand, der Einlass gewähren könnte in die Kapelle auf dem Wanderweg. Ausgeschlossen fühlen sich die müden Wanderer, und Enttäuschung macht sich breit. Und auch ein wenig Verärgerung.

Warum müssen Kirchen (immer) abgesperrt sein? So gerne hätte man die Stille des Raumes und die Nähe Gottes doch in dieser Kirche erlebt. Und überhaupt zahle man doch Kirchensteuer, da könne man doch erwarten, dass man hier beten dürfe. Was ist das für eine Kirche, die ihre Gläubigen aussperrt? Und ist dieser Gott, von dem diese Kirche redet, nicht auch so ferne und „nicht erreichbar“? Jetzt werden auch persönliche Enttäuschungen laut in der Gruppe: „So sehr habe ich gebetet, dass meine Tochter wieder gesund wird“, berichtet eine Mutter, „und doch alles Beten hat nichts geholfen. Gott ist nie da, wenn ich ihn brauche.“ Zustimmung und Widerspruch in der Gruppe. Persönliche Erlebnisse werden ausgetauscht. Erfahrungen über Gottesnähe und Gottesferne. Erfahrungen über erhörte Gebete und vergebliches Flehen.

Nachdenklich wirft ein Gesprächsteilnehmer in die Runde: „Vielleicht hilft es oft nicht so sehr, Gott zu bitten, vielleicht brauche ich ja auch manchmal nur einen anderen Menschen, der mir weiterhilft.“ Das Gespräch nimmt eine andere Wendung. Erfahrene Hilfe von anderen Menschen wird ausgetauscht. Die ältere Dame, die der damals noch jungen alleinerziehenden Mutter selbst gemachte Marmelade und frisches Obst und Gemüse gegeben hat – einfach so. Der freundliche Nachbar, der den Kindern bei den Hausaufgaben geholfen hat. Die Ruheständlerin, die der fast erblindeten Mutter zweimal die Woche vorgelesen hat.

„Vielleicht sind wir gefragt, anderen zu helfen, die bei uns anklopfen“, bringt sich ein weiterer Wanderer mit ein. Und wieder werden in der Gruppe Beispiele gesammelt, wo ein Mittun möglich ist. Es geraten Menschen in den Blick, die Hilfe brauchen. „Das ist ja so wie in der Geschichte aus der Bibel mit dem aufdringlichen Nachbarn“, ergänzt der Wanderer. Auch vor unseren Türen stehen Menschen, die uns aus unserer bequemen Lebensweise herausrufen. Nicht nur Flüchtlinge und Asylbewerber, nicht nur Arme und Arbeitslose, sondern vielleicht auch der Mensch, der neben mir wohnt und einsam ist. So setzt sich unser Bitten bei Gott dann fort in den Bitten der Menschen, die bei uns anklopfen.

„Gut, dass diese Kirchentüre versperrt war“, freut sich eine Dame, die vorhin so ärgerlich reagierte, „sonst wäre unser Gespräch doch nicht so intensiv gewesen. Vielleicht war uns Gott vor der Kirchentüre näher, als wir anfangs dachten.“ – „Also, ich wünsche mir einen Gott, der auf beiden Seiten der Türe seinen Platz hat“, meint ein Mitglied der Wandergruppe weiter. „Trotzdem kein Grund, Kirchen zuzusperren“, ist noch aus der Gruppe zu hören. Gestärkt brechen sie wieder auf…

Wir haben einen Gott, der auch jenseits verschlossener Türen bei uns ist.“

(foto bergmöser+holler verlag text fm)