18 Okt Beinahe ein Gottesbeweis

Der 113-jährige Israel Kristal (Spiegel-online am 13. 10. 16) feierte vor einigen Tagen seine Bar Mizwa, im Judentum das Fest der Religionsmündigkeit. Wie kam es zu dieser Verspätung von einhundert Jahren?

Kann man Gott beweisen? Nein, natürlich nicht. Aber manchmal vielleicht ein kleines bisschen. Davon will ich jetzt erzählen. Von Herrn Israel Kristal nämlich. Der lebt seit einigen Jahrzehnten in Amerika, ist jüdischer Bürger und 113 Jahre alt. Also 1903 geboren. Schwer vorstellbar ist das, so ein Alter. Noch gewaltiger aber ist sein Traum.

Als er dreizehn Jahre alt war, 1916, war Erster Weltkrieg in Europa. Auch in Polen, wo er damals lebte. Schon länger ohne seine Mutter, die früh gestorben war. Weil Krieg herrschte und sein Vater Soldat in der Fremde war, konnte Kristal das wichtigste religiöse Fest eines jüdischen Jungen nicht feiern: Bar Mizwa, die Religionsmündigkeit, bei uns zu vergleichen mit der Firmung oder der Konfirmation. Das Fehlen dieses Festes, das man eigentlich mit 13 feiert, hat Kristal traurig bleiben lassen, hundert Jahre lang. Weil seine Liebe zu Gott aber immer groß bleibt, hundert Jahre lang, hat seine Familie diese Bar Mizwa jetzt mit ihm nachgefeiert, vor ein paar Tagen, genau am 113. Geburtstag des Mannes. Und Kristal weinte vor Glück.

Wie könnte man sich und anderen Gott beweisen – außer mit Liebe? Ein Leben lang träumt Kristal davon, ein Leben lang liebt er Gott und will so gerne nachholen, was ihm als 13-Jähriger versagt blieb. Und dann erfüllt sich Gottes Liebe an ihm. Kristal feiert Bar Mizwa an seinem 113. Geburtstag. Er feiert den, dem er sein Leben lang vertraut hat: den ewigen Gott, Schöpfer Himmels und der Erde; Herr über Leben und Tod.

Nichts trennte Kristal jemals von Gott. Nicht der frühe Tod der Mutter. Nicht der Tod seiner ersten Familie, die im „Dritten Reich“ von den Nationalsozialisten ermordet wird. In allem Zorn und in aller Trauer sagte er sich vielleicht, was auch uns hilft, wenn wir es uns in den Düsternissen der Seele sagen oder zusagen lassen: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.  

Und dann, mit 113 Jahren, kommt der große Gott tatsächlich in Kristals kleines Zimmer. Beide, stelle ich mir vor, zeigen sich ihre Liebe zueinander. Zum Zeichen seiner Liebe küsst Kristal die Thorarolle, auf der Gottes Worte stehen. Also das Heiligste überhaupt, das jüdische Jungen küssen, wenn sie religionsmündig werden. Wenn das nicht Liebe ist. Wenn das kein Gottesbeweis ist. Und sei er noch so winzig. Es gibt doch immer Stunden der Liebe auf der Welt. Überall. Trotz allem. Auch bei Ihnen, bei mir.

Und all diese kleinen Stunden der Liebe zusammengenommen ergeben das eine, große Bild: Gott beweisen uns die, die ihn lieben.

(foto dpa text fm nach buhv.de)