„Es lebe der Gottesdienst“
Predigt zu 2Chr 5,2-14
Sonntag Kantate, 3. Mai 2026
St. Gumbertus, Ansbach
Liebe Gemeinde!
Heute in diesem festlichen Gottesdienst zu Kantate sind wir Zeugen nicht nur wunderbarer Musik, sondern auch Zeugen der feierlichen Einweihung des Tempels in Jerusalem vor fast dreitausend Jahren. Gleich zweimal wird in der Bibel davon berichtet: in den Königsbüchern und in den Chronikbüchern. Die Chronikbücher verarbeiten dabei den Erzählstoff neu und mit einem anderen Schwerpunkt.
Hören wir aus dem zweiten Buch Chronik im 5. Kapitel: 2Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. 3Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. 4Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. 6Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die bei ihm vor der Lade versammelt war, opferten Schafe und Rinder, so viel, dass es niemand zählen noch berechnen konnte. 7So brachten die Priester die Lade des Bundes des Herrn an ihre Stätte, in den innersten Raum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim, 8dass die Cherubim ihre Flügel ausbreiteten über die Stätte der Lade. Und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her. 9Die Stangen aber waren so lang, dass man ihre Enden vor dem Allerheiligsten sah, aber von außen sah man sie nicht. Und sie war dort bis auf diesen Tag. 10Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der Herr mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.
In einer feierlichen Zeremonie unter Begleitung der ganzen Prominenz wird die sogenannte Lade in den Tempel gebracht. In ihr befanden sich die zwei Tafeln mit den 10 Geboten, wie sie Mose am Berg Sinai, hier Horeb genannt, von Gott empfangen hat. Diese Lade ist bis heute verschollen. Hollywood-Filme sind über die Lade und die Gebotstafeln gedreht worden mit Charlton Heston als Mose. Und auch Indiana Jones alias Harrison Ford war schon im Film auf der Suche nach der Lade mit ihren vermeintlichen Zauberkräften.
Aber den Chronikbüchern ist etwas anderes wichtig an der großen Tempeleinweihungsfeier: nämlich die Musik. Von der Musik berichten die Königsbücher nichts, dafür aber die Chronikbücher.
Wir hören weiter aus 2. Chronik 5: 11Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass man auf die Abteilungen geachtet hätte –, 12und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. 13Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke als das Haus des Herrn, 14sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.
Für die Chronikbücher ist die Tempelweihe nichts weniger als die Krone der Schöpfung. Jetzt ist alles komplett, jetzt ist alles fertig. Und die Musik gehört dazu.
Als die Chronisten zur Feder griffen, gab es den Tempel, von dessen feierlich-musikalischer Einweihung sie so jubilierend berichten, schon Jahrhunderte nicht mehr. Es gab zwar schon etliche Jahre einen Nachfolgerbau, aber darum geht es den Chronisten nicht. Ihnen geht es allein um die Bedeu-tung des Gottesdienstes und um die Bedeutung der Musik im Gottesdienst als – und das ist der Punkt – Ersatz des Tempelkultes mit seinen Opfern. Wir haben vorhin gehört, wie zentral für den Tempelkult das Opfern von Tieren und Lebensmitteln war. Ein archaischer Brauch nicht nur im al-ten Israel, der zusammen mit dem Tempel verschwand.
Jetzt wird die Musik fortan zur immateriellen Opfergabe. Der unvergleichliche Paul Gerhardt wusste es schon immer: „Lasset uns singen, dem Schöpfer bringen Güter und Gaben; was wir nur haben, alles sei Gotte zum Opfer gesetzt! Die besten Güter sind unsre Gemüter; dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder, an welchen er sich am meisten ergötzt.“i
Die Kirchenmusik ist immaterielle Opfergabe an Gott. Denn so sagt es das bekannte Psalmwort: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Kirchenmusik ist immer Gotteslob. Auch wenn darin die Klage ihren Raum hat. Aber selbst die Klage mündet wieder in das Gotteslob, um sich selbst und vielleicht auch Gott daran zu erinnern, was an Gutem er uns getan hat.
Es ist viel nachgedacht worden über das Lob Gottes. Der Mensch, der Gott lobt und ihm dankt, ist grundsätzlich glücklich. Umgekehrt ist der Glückliche nicht immer der, der deswegen Gott die Ehre gibt. Gott loben bedeutet daher sich eingebunden wissen in einen Kreislauf des Gebens und Nehmens. Wir könnten in unserem Leben nicht geben, wenn wir nicht vorher genommen hätten, wenn wir nicht vorher bekommen hätten. Das lässt ehrfürchtig werden, dann dankbar und schließlich mündet es ins Gotteslob.
Der Sonntag Kantate heute ist ein flammendes Plädoyer für die Kostbarkeit des Gottesdienstes als Ort und Heimat dieses Gotteslobes. Zum Gottesdienst gehört die Musik so untrennbar wie das Opfer zum alttestamentlichen Tempelkult gehört hat. Und diese Kostbarkeit des Gottesdienstes gilt es gerade in unserer Zeit neu zu entdecken.
Am Samstagabend vor einer Woche waren meine Frau und ich im Onoldia-Saal bei dem scharfzüngigen Kabarettisten Hagen Rether. Dieser ist bekannt für sein ellenlanges Abendprogramm. Gleich zu Beginn wies er darauf hin, dass das Publikum hoffentlich etwas Zeit mitgebracht hätten und dass die eventuellen Priester im Saal halt in der Pause nach Hause gehen könnten. Wertschätzend war das sicher nicht gemeint.
Man kann das, was in unseren Kirchen Sonntag wie Sonntag geschieht, leicht weglächeln. Aber immer mehr Menschen befinden sich heutzutage in einer Art von transzendentaler Obdachlosigkeit. Die Frage ist ja: Wo endet die Wanderung durch die Wälder und Sümpfe postmoderner Beliebigkeit? Wo finde ich stattdessen meine geistige Heimat? An welchem Feuer wärmt sich der transzendental Obdachlose und wovon zehrt seine Seele?ii Ich bin davor überzeugt, dass das der Gottesdienst leistet.
Unsere Kirche wirkt gegenwärtig schwach und angegriffen. Weniger Geld, weniger Personal. Da mag auch ein „weniger Gottesdienst“ naheliegen. Aber hier wäre weniger absolut nicht mehr. Wir sollten die Gottesdienste feiern, wie sie fallen. Wenn weder eine Pfarrerin noch ein Prädikant an einem Sonntag zur Verfügung stehen, dann können sich Gemeindeglieder in der Kirche versammeln, die Kerzen entzünden, das Evangelium des Sonntags gemeinsam Vers für Vers lesen, ein Lied anstimmen und das Vaterunser beten. Auch das ist Gottesdienst.
Der Gottesdienst ist ein Lebensmittel. Je feierlicher und musikalischer er ist, desto nahrhafter wird er. Und er bewahrt uns vor der grassierenden transzendentalen Obdachlosigkeit. Es lebe der Gottesdienst und mit ihm die Kirchenmusik!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
DEKAN DR. MATTHIAS BÜTTNER, ANSBACH
i EG 449,3.
ii JUTTA NOETZEL, GPM 80 (2026), S. 265.