03 Sep Deeskalieren geht anders

In der Friedens- und Konfliktforschung weiß man seit langem, wie Eskalation funktioniert und wie Deseskalation gelingt.

Seit Wochen und Monaten prallen unterschiedliche Sichtweisen in politischen Fragen aufeinander. Auf Straßen und Plätzen wird mal lautstark, manchmal schweigend demonstriert, ganz nach dem Verfassungsgrundsatz der freien Meinungsfreiheit und der Demonstrationsfreiheit.

Aber immer wieder erlebt man es, dass Parteien und Gruppen sich als Gegendemonstranten gebaren und anderen, mit deren Meinung sie nicht einverstanden sind, sie in ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung und ihr Demonstrationsrecht behindern. Politiker aus bestimmten Parteien bestärken und befeuern ihre Anhänger in diesen undemokratischen Aktionen darin. Und auch die Medien berichten nicht immer neutral und sachlich, sondern publizieren parteilich; so werden aus Informationen Propagandanachrichten. Dann geht es bald nicht mehr um die Sache. Politiker versuchen ihre Wählerschaft zu befriedigen und möglichst bei den nächsten Wahlen Prozentpunkte dazuzugewinnen. Dabei scheint es, dass ihnen alle Mittel recht sind, den Gegner zu bekämpfen. Aus politischen Mitbewerbern werden Gegner, die man nur bekämpfen und besiegen kann. Wissen nicht die politischen Akteure, dass so die Sprache der Eskalation als Vorstufe zur Gewalt klingt?

Auf was sollen diese Auseinandersetzungen hinauslaufen? Politiker, die gerne und viel in den Medien in Erscheinung treten, haben eine Verantwortung, dass es in Gesprächen und auf den Straßen nicht eskaliert.

Deeskalation – wie geht das?

Wenn man zu einem toleranten Miteinander wiederkommen will, soll man zuerst von sich reden, von dem was einem selbst wichtig ist, die eigene Meinung sachlich konstruktiv formulieren ohne den anderen negativ zu bewerten. Ein Gespräch ist dann nicht mehr möglich, wenn ein Partner den anderen moralisch abwertet, wenn man ihn mit Verdächtigungen, Unterstellungen und Vorurteilen versucht bloßzustellen.

Das ist ein Versuch sich selbst immer Recht zugeben indem man den andern ins Unrecht setzt. Das nennt man negativer Projektion. Ein Schritt auf dem Weg der Deeskalation ist es Sachfragen zu stellen und dabei zu bleiben. Wenn man meint, nur selbst habe man Recht und der andere kann dann nur Unrecht haben, macht man sich und seine eigene Sichtweise zum Maßstab. Auf dem Weg zur Deeskalation muss man mit Worten, die den anderen bloßstellen und vorwurfsvoll anklagen, abrüsten.

Deeskalation ist das, was nötig ist, Versöhnung ist noch ein weiterer Schritt. Mit einem versöhnten Herzen streiten will gelernt sein. Und die Toleranz, als das manchmal auch schmerzhafte Aushalten und Erdulden, dass der andere seine eigene Meinung hat, ist eine Tugend, die alle Politiker wieder lernen können. „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere auch Recht haben könnte.“

(Foto schnegule.com Text F.Müller)